Hubert Ettl begibt sich auf die Suche nach der neuen Welt, die sich innerhalb der alten bäuerlichen Gesellschaft entwickelt. Mit über 100 historischen Fotografien aus der Zeit des ausgehenden 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts werden die Anfänge des Industriezeitalters im Bayerischen Wald eingefangen. Diese Bilder und die Texte des Autors, ergänzt durch die Beiträge von Katharina Eisch, Winfried Helm und Martin Ortmeier zur Glas-, Stein- und Holzheimindustrie, zeigen und beschreiben ein vernachläßigtes Kapitel der Regionalgeschichte und werden zu einem wichtigen Dokument der Vergangenheit. Die Moderne und die westlich-industrielle Zivilisation stehen heute mehr denn je auf dem Prüfstand, Heimatgeschichte im kritischen Sinne wird hier zur Archäologie der Neuzeit in der bayerischen Provinz. Austellungen zum Fotoband:
Hubert Ettl, M.A., geboren 1948 in Nittenau. Lebt als Publizist in Viechtach. Geschäftsführer des lichtung verlages. Autor u.a. von Kurt Raab. Hommage aus der Provinz" (1989). Seit 1988 Herausgeber des ostbayerischen magazin lichtung und der Reihe Reise-Lesebuch" (5 Bände) im lichtung verlag. Dr. Katharina Eisch, geboren 1962 in Zwiesel. Volkskundlerin und Ethnographin, z.Zt. für die Konzipierung einer kultur- und sozialgeschichtlichen Dauerausstellung am Glasmuseum Frauenau tätig. Veröffentlichungen u.a. Die Eisch-Hütte. Portrait einer Bayerwald-Glashütte im 20. Jahrhundert" (1988), Grenze. Eine Ethnographie des bayerisch-böhmischen Grenzraums" (1996). Dr. Winfried Helm, M.A., Kulturwissenschaftler; Studium der Volkskunde, Bayerischen Landesgeschichte und Psychologie; wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Passau und den Niederbayerischen Freilichtmuseen Finsterau und Massing. Seit 1995 freiberuflich tätig mit Büro Theorie & Praxis" in Passau. Dr. Martin Ortmeier, Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Theoretischen Linguistik in Regensburg und München, Ofenbauer, 1983/84 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Bischöflichen Kunstsammlungen in Regensburg, seit 1984 Leiter der Niederbayerischen Freilichtmuseen Finsterau und Massing; Veröffentlichungen über die Kunst der Moderne, Bauernhäuser in Niederbayern und Südböhmen, Kulturgeschichte des Granits u.a.
Vorwort von Hubert EttlWir sind auf dem Weg von der Industrie- in die Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft", verkünden uns Wissenschaftler und Expertenrunden. Und wie hat das Industriezeitalter begonnen, hier im Bayerischen Wald? Besonders interessant erscheint der Rückblick in einer ländlichen Region, die auch heute noch in ihrem Landschaftsbild von der bäuerlichen Landwirtschaft geprägt ist und so manchen Einheimischen wie Urlauber zu einem nostalgischen Blick verführt, der mehr von Klischees beherrscht wird als von Realitäten. Diese romantische Sicht ist so alt wie die Industrialisierung selbst, die Idyllisierung der Natur und des Landlebens im Zuge der Wander- und Naturschutzbewegungen des 19. Jahrhunderts entsteht als Reaktion auf Industrialisierung, Verstädterung und die damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzungen.
Die Arbeit am vorliegenden Band, der diesen Weg in die neue Zeit mit historischen Fotografien einzufangen sucht, geriet zuweilen zu einer regelrechten Detektivarbeit. Die Fotografie entwickelte und verbreitete sich ja erst. Fotos machte nur der Fotograf, und wer sich diese Bilder leistete zu bestimmten Anlässen wie z.B. der Hochzeit, ging zum Fotografen. Porträts, Vereinsfeste, Naturaufnahmen und Ortsansichten wurden häufig fotografiert, das bäuerliche Milieu und Handwerker eher abgelichtet als die neue industrielle Welt. Es ist schon das Interesse spürbar, das Alte noch festzuhalten, es über Postkarten zu vermarkten. Wurde diese Industrie dann ins Bild gesetzt, waren es meist Belegschaftsaufnahmen, selten Bilder direkt vom Arbeitsprozeß. Auf der Suche nach diesen historischen Bildern konnte ich mich nur z.T. auf öffentliche und Museumsarchive stützen, vieles fand ich in privaten Sammlungen und vor allem direkt bei den Firmen, die erst Vertrauen in den Herausgeber gewinnen mußten, um die wenigen Fotos von der Gründerzeit ihrer Firma aus der Schublade herauszuholen oder direkt von der Wand und aus dem Rahmen herauszunehmen. Allen Leihgebern sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Als Fotoband muß das Buch exemplarisch angelegt sein, um an Beispielen die jeweilige Branche und ihre Entwicklung darzustellen. Im Vordergrund stehen die Bilder selbst, begleitet von Bildtexten, die die Fotos kommentieren, Informationen zur jeweiligen Firma und diesem Industriezweig geben oder kleine Geschichten erzählen. Ergänzt sind diese Bildtexte durch Beiträge von Katharina Eisch, Winfried Helm und Martin Ortmeier zu drei wichtigen Aspekten der frühen Industrien in dieser Region. Der Band - eine Archäologie der Neuzeit in Bildern - führt uns zurück in eine Welt, die nur ein Jahrhundert zurückliegt, vielen aber schon als völlig fremde Welt erscheint.
An den Tischen sitzen in langen Reihen die gleichheitlich
und sauber gewandeten Zigarrendreherinnen. Damit es den Mädchen
und Frauen nicht zu langweilig wird den Arbeitstag über,
überträgt ein ausgezeichneter Lautsprecher Musik von
Rundfunk oder Grammophon in alle Arbeitsräume, wie ja überhaupt
der menschenfreundliche Fabrikherr in jeder Weise für das
Wohl seiner anhänglichen und dankbaren Arbeiterschaft sorgt."
So stellte 1931 der Schriftsteller Max Peinkofer in einem langen
Beitrag für die Donau-Zeitung" die Zigarrenfabrikation
Wolf & Ruhland in Perlesreut vor. Der Mannheimer Hermann
Wolf (Foto Seite 17 oben rechts zusammen mit dem Mitgesellschafter
Karl Hilz, links) hatte 1908 mit seinem Schwager Ruhland in München
einen Betrieb gegründet, von dort ging er 1917 mit zehn
Zigarrenmacherinnen nach Perlesreut. Der Krieg erweckte
in Herrn Wolf den Wunsch", so Peinkofer, irgendwo
draußen auf dem stillen Lande, wo es noch eine ordent-liche
und unverhetzte Arbeiterschaft gibt, eine Zweigfabrik zu gründen.
Ein Kriegskamerad aus Perlesreut verwies ihn auf seine Heimat,
die solche Arbeitsgelegenheit wohl brauchen könnte."
Peinkofer spricht zwar in seiner Reportage von 400 Beschäftigten,
in Wirklichkeit waren es knapp 200, vor allem Arbeiterinnen,
die Kielzigarren, Virginier und die bekannten Edelweiß-Stumpen"
produzierten. Hermann Hilz, der Enkel des Mitbesitzers Karl Hilz,
betreibt heute noch mit sechs Arbeiterinnen eine kleine Zigarrenfabrikation
in Perlesreut.
Isidor Gistl, eine imposante Glasfabrikantenpersönlichkeit der Gründerzeit, ließ sich hier (erste Reihe in der Mitte) mit der Belegschaft der Poschingerhütte in Frauenau-Moosau ablichten, die er von 1906 bis 1925 gepachtet hatte. Gistl, 1868 in Schweinhütt bei Regen geboren - die Eltern waren Pächter eines Wirtshauses, der Vater arbeitete als Tafelglasmacher und Glasfuhrmann in Frauenau - genoß eine Realschulausbildung in Deggendorf und Regensburg und erlernte das Glasgewerbe und die Betriebsleitung bei Poschinger in Oberfrauenau. Nachdem er sich mit dem Besitzer nicht einigen konnte, wohl wegen des Jahresgehalts von 1400 Mark, ging Gistl 1894 als Direktor zur Glashütte Steigerwald nach Regenhütte, von wo er 1906 nach Frauenau zurückkehrte und die 1848 gegründete Poschingerhütte in Moosau pachtete. Trotz kriegsbedingter Schwierigkeiten, z.B. Kohlemangel, baute Gistl den Betrieb erfolgreich aus. Während dieser Zeit als Pächter bei Poschinger kaufte er sich Grundstücke in Frauenau, um dort 1923 nach den Plänen des Architekten Georg Pabst aus dem thüringischen Glaszentrum Ilmenau die beeindruckende Anlage einer neuen Kristallglasfabrik zu errichten. Neben der eigentlichen Fabrik, die 1925 fertiggestellt wurde und als eine der modernsten Kristallglasfabriken Europas galt, ließ Isidor Gistl 27 Wohnhäuser mit 200 Werkswohnungen bauen, eine großzügige Gastwirtschaft und den Gistlsaal", den damals größten Veranstaltungsbau des Bayerischen Waldes, der jahrzehntelang der gesellschaftliche Mittelpunkt der aufstrebenden Industriegemeinde Frauenau war. Der Saal war mit einer versenkbaren Bühne, einem Orchestergraben, Zentralheizung sowie mit Einrichtungen zur Filmvorführung und natürlich auch mit der Loge für den Hüttenherrn ausgestattet. Einen Teil seiner Riesenanlage auf über 2.000 Hektar Grund finanzierte Gistl, der in den wirtschaftlichen Notzeiten eigenes Papiergeld - Geldscheine von 1,5 Millionen bis 5 Billionen Mark - drucken durfte, mit diesem Inflationsgeld. Nachdem er Ende der 20er und Anfang der 30er Jahre während der allgemeinen Weltwirtschaftskrise die Produktion stark zurückfahren mußte und erhebliche Kreditprobleme bekam, konnte er bis Ende der 30er Jahre die Schwierigkeiten überwinden und 700 Leute beschäftigen. Der Hackelstecken schwingende Kommerzienrat war ebenso gefürchtet wie geschätzt bei seinen Arbeitern, er verkörperte wie ein Gustav Werner in Teisnach jenen bürgerlich-patriarchalen Fabrikanten, der den Arbeiter auch gelten ließ", wie eine Arbeiterin des Holzfabrikanten Rödl in Bodenmais es einmal ausdrückte.
Erbaut wurde der neue Ringofen mit Kamin 1895 von italienischen Wanderzieglern. Die Fornaciai, die Ziegelbrenner, die vor allem aus dem oberitalienischen Friaul kamen, wurden nicht einzeln angeworben, sondern als Arbeitsgruppe. Der Verbindungsmann war der italienische Ziegelmeister, der Akkordant, der um die Weihnachtszeit begann, sich seine Mannschaft für die kommende Saison zu rekrutieren. Diese Akkordanten halten Hof in den italienischen Dörfern, zahlen einen kleinen Vorschuß und per Handschlag ist der Vertrag geschlossen. Väter nehmen ihre Söhne mit, Cousins und Freunde zählen zur Arbeitstruppe, man geht seine Haut verkaufen". Ab Ostern, wenn die Ziegelsaison beginnt, ziehen die italienischen Ziegler los, zu Fuß und auf Fuhrwerken. Einen Sack Habseligkeiten haben sie dabei, den Kochkessel, in dem abends die Polenta gekocht wird. Sogar die Arbeitsgeräte werden über die Alpen mitgeschleppt. Ab 1872 fahren, zumindest auf Teilstrecken, Sonder-züge mit den Gastarbeitern. Der italienische Ziegelmeister ist derjenige, der seine Truppe antreibt, der sie auspreßt, von Sonnenaufgang bis -untergang wird gearbeitet. Er ist zur Produktion einer bestimmten Anzahl von Ziegeln in der Saison verpflichtet. In einem Vertrag zwischen Max Venus I., dem Vater unseres Max' mit dem Ölkännchen, der auf dem Foto von 1910 zusammen mit einheimischen und italienischen Arbeitern zu sehen ist, und dem italienischen Akkordanten Remigius Spitzer wurde z.B. für das Jahr 1907 vereinbart, daß 400.000 Ziegelsteine von Spitzers Gruppe geschlagen werden mußten, wofür pro 1.000 Steine 8,60 Mark bezahlt wurden, bei den Dachziegeln 4 Mark. Der Soll mußte erfüllt sein, bevor im Herbst die feuchte Luft den Ton nicht mehr trocknete. Dann kehrten die Fornaciai wieder zurück, wenn es gut ging rechtzeitig zur Weinlese in ihren Dörfern.
1896 besuchte der Bergbauingenieur und Fabrikant Alfred Wiede Freyung, um Grubenholz für seine Bergwerksanlagen in Zwickau zu kaufen. Bei einer Wanderung durch die Buchberger Leite soll er den Plan gefaßt haben, an deren Ende unterhalb des Ortes Aigenstadl ein Carbidwerk zu errichten. Carbid, ein begehrter Stoff, wurde verwendet zum Schweißen, zur Beleuchtung und als Ausgangsstoff für viele chemische Produkte. Die Rohstoffe zur Herstellung von Calciumcarbid, Koks aus dem Ruhrgebiet und Kalk aus Regensburg, müßten zwar mit der Bahn antransportiert werden - die Bahnstrecke Passau-Freyung war gerade 1892 fertiggestellt -, was aber zur Carbidproduktion ebenfalls nötig wäre, große Mengen Strom zum Schmelzen von Kohlenstoff und Kalk bei 2.000 Grad im Carbidofen, ließe sich aus der Wasserkraft hier gewinnen. Ab 1899 kaufte der königlich sächsische Bergrat dann nach und nach die Grundstücke samt der benötigten Wasserrechte an Resch- und Saußbach auf und ließ gewaltige Rohrleitungen kilometerweit verlegen. Die Stollen mußten durch den Granit getrieben werden, in einer Druckleitung mit einem Gefälle von 70 Metern sollte das Wasser die Turbinen im Kraftwerk Buchbergmühle 1 antreiben und anschließend in einem in den Granit gesprengten, senkrechten Schacht von über 60 Metern Tiefe auf die Turbinen des Werks Buchbergmühle 2 stürzen. Als der 1.200 lange Auslauftunnel im Januar 1904 durchstochen war, dauerte es nur mehr drei Monate, bis die gesamten Kraftwerks- und Fabrikbauten vollendet waren. Wiede's Carbidwerk bot in der Blütezeit bis zu 200 Beschäftigten Arbeit, in langen Fußmärschen, auch im Winter oft nur in Böhmschuhen", kamen die Arbeiter bis von Schönbrunn am Lusen und Röhrnbach im Süden zu Wiede in die Fabrik.
Blick in die große Steinmetzhalle der Firma Kerber in Büchlberg (um 1905). Die Halle wurde von zwei Gleisen durchquert, auf denen in Rollwägen die Steine an- und abtransportiert wurden. Auf Rundhölzern wurden die Steine zu den Arbeitsplätzen gebracht und dort beim Bearbeiten auf Balken oder Haubänken gelagert. 1889 war auf Initiative der Gebrüder Kerber in Büchlberg eine Steinhauerschule für feiertagsschulpflichtige Arbeiter ins Leben gerufen worden; in dem untentgeltlichen Untericht sollten tüchtige Steinhauergehilfen" ausgebildet werden.
"Das Buch beeindruckt vor allem aber durch die vielen Bilder, die ein bislang vernachläßigtes Stück Regionalgeschichte lebendig werden lassen. Ein weiteres sehr empfehlenswertes Buch aus dem kleinen 'lichtung verlag', der sich einmal mehr als Archivar einer vergessenen Welt erweist." (Stefan Rammer, in: PASSAUER NEUE PRESSE, 21.11.01) "Der lichtung-verlag legt einen faszinierenden Bildband über die frühen Industrien im Bayerischen Wald vor." (E. Fischl, in: VIECHTACHER BAYERWALDBOTE, 22.11.01) "Teilweise recht entlegenes und bei den heutigen Firmenerben noch als Familienbesitz an der Bürowand hängendes Fotomaterial hat Hubert Ettl, Herausgeber und Verleger des Bandes, mühevoll zusammengetragen. Viel akribische Recherche steckt auch in den ausführlichen, sachkundigen Bildunterschriften, die die Welt der Frühindustrialisierung im Bayerischen Wald - ob in der Holzspielzeugfabrik, der Gerberei, im Sägewerk oder in der Graphitmühle - noch einmal lebendig werden lassen." (Bernhard Setzwein, in: BAYERISCHER RUNDFUNK/Hörfunk, 12.12.01) "Fundierte Information leicht lesbar und unterhaltsam
verpackt, Heimatgeschichte hervorragend aufbereitet, das macht
diesen Bildband zu einer ganz besonderen Neuerscheinung." |