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Wolfgang Sréter, Der falsche Fräser,

lichtung verlag Viechtach 2002, 93 S.,
10,20 Euro, ISBN 3-929517-55-8

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Der Krieg ist vorbei. Eine Kleinstadt in den 50er Jahren, ein Grenz- und Garnisonsstadt mit zweitausend amerikanischen Besatzungssoldaten. Plötzlich werden jede Nacht mehrere Einbrüche verübt. Der „Fräser", den man verhaftet hat, ist es nicht. Wer aber könnte es sein? Der erste bescheidene Wohlstand nach dem Krieg, das kleine Stück vom Kuchen des deutschen Wirtschaftswunders ist gefährdet. Die Bürger sind in Aufruhr und die Polizei ist unfähig den Verbrecher zu stellen. Wolfgang Sréter ist den Spuren nachgegangen und erzählt seine Geschichte aus der Sicht von drei jungen Leuten, die ein Nachtlokal betreiben.

 

 

 

 


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AUTOR

Wolfgang Sréter, 1946 in Passau geboren, lebt als freier Autor in München. Studium der Volkswirtschaft und Soziologie. Schreibt Erzählungen, Kurzprosa und Theaterstücke, zuletzt Der Jazzdirigent und Das Cabinet des Dr. Caligari ; Buchveröffentlichungen u.a. Das Iwanbrettl (1988), Traglinger (1993). Literaturstipendium der Stadt München 1993, Preis des Landestheaters Schwaben 2000.

 


 


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Das Café Nizza stank nach Pisse, denn die Toiletten im Erdgeschoss waren meistens verstopft. Die Mauern des würfelförmigen Baus schimmelten, der jährlichen Hochwasser wegen, doch im ersten Stock, wenn man durch die Zimmerpalmen auf den Fluss blickte, konnte man sich in die Wärme der französischen Riviera hineinträumen, vor allem wenn die Dämmerung das gegenüberliegende Ufer verschluckte.

Paula räumte die Flaschen aus dem Regal hinter der Bar, um den Spiegel zu putzen. Kentucky-Whiskey für die amerikanischen Soldaten, Weinbrand für durchreisende Vertreter, Vermouth verschiedener Qualitäten für junge Männer, die von der Italiensehnsucht befallen waren, für die Damen Eierlikör, der in kleinen Schnapsgläsern serviert wurde, damit die feuchte Zunge das Glas ausschlecken konnte, neuerdings auch Bols grün und blau, für diejenigen, die den Absturz suchten und am Ende der Nacht die Treppe des Cafés bis vor den Ausgang hinunterfielen.

Leopold kam und setzte sich an den Flügel. Seit die Mutter im Juni fünfundvierzig das Klavier gegen Lebensmittel eingetauscht hatte, spielte er ganze Nachmittage in dem leeren Tanzlokal. Er probierte eine Melodie, die ein GI ihm spät nachts vorgesungen hatte, setzte die Harmonien zusammen, wechselte von C-Dur nach A-Moll, dann nach F-Dur und kam über G-Dur schließlich wieder zurück zum C. Er spielte einen Durchgang nach dem anderen, irgendwann vergaß er die Melodie, improvisierte über der eingängigen, etwas kitschigen Harmonienfolge und sah zum Fenster hinaus. Plötzlich spürte er Paulas Finger im Haar. Er hörte auf zu spielen und drehte sich auf dem Klavierhocker ihr zu. Beide wussten, Bob würde nicht vor sechs Uhr kommen.

Als Robert an diesem Tag früher kam als sonst, hörte er im Treppenhaus Laute, die ihn beunruhigten. Er lief in den ersten Stock, ohne wie gewöhnlich die Fenster in den Toiletten zu öffnen, und als er durch die offene Türe schaute, sah er Paula auf dem Flügel sitzen. Sie kehrte ihm den Rücken zu. Leopold stand gebückt vor ihr. Er hatte seine Arme um ihre Oberschenkel geschlungen. Robert trat ins Treppenhaus zurück. Er schämte sich, obwohl es nicht seine Schuld war.

Seine Schwester saß in seinem Lokal auf seinem Flügel und wahrscheinlich verwandelte sich der Dezembernachmittag vor ihren Augen gerade in einen französischen Sommerboulevard, auf dem man flanieren und den Schweiß auf der Haut spüren konnte. Der Bruder setzte sich auf die Treppe und wartete. Oft hatte er Schmiere gestanden, als die beiden noch nicht verheiratet gewesen waren, als sei die Liebe Unverheirateter ein Verbrechen. Dann hörte er die Absätze seiner Schwester auf dem Parkett. Ohne Absicht pfiff er die Melodie, die noch vor kurzem als Warnung verabredet war, und grinste über die Röte in Paulas Gesicht, die sich die Haare hinters Ohr strich und dann aus dem Wasserhahn der Schenke trank, als käme sie aus der Wüste.

 

 

 

Am Waffengeschäft Knabl haben sie sich die Zähne ausgebissen, aber klar ist, was sie dort wollten", meinte Bob.

„Irgendwann ist das Nizza dran." Leopold reichte Paula die Flaschen.

Seit einer Woche überlegte Bob, ob er nicht den Rest der Nacht im Lokal verbringen sollte. Er hatte keine Angst. Mit sechzehn war er im letzten Kriegswinter, kurz nachdem der Vater gefallen war, zur Flak eingezogen worden. Nichts konnte schlimmer sein als ein Fliegerangriff.

Er würde sich nichts mehr nehmen lassen.

Den ganzen Abend wurde über die Einbrüche geredet. Die Heldentaten der jungen Männer übertrafen die Maßnahmen der Alten im Friseursalon. Man stellte sich alleine den Verbrechern entgegen, war gewappnet mit verschiedenen Varianten, vorbereitet auf den Kampf, der ein harter sein würde, denn die anderen wurden mit jedem Bier größer, stärker und gerissener.

Der Musik wegen waren sie ursprünglich gekommen, nun aber langweilten sich die Mädchen und die Helden prahlten. Sie begannen zu streiten und Bob hatte Mühe, sie auseinander zu halten. Paula schenkte nach, und wenn sie eingeladen wurde, prostete sie dem Spender zu, ließ jedoch in einem günstigen Augenblick das volle Glas verschwinden.

Während er spielte, konnte Leopold das Lokal überblicken. Um die Tische der linken Fensterreihe saßen breitbeinig die amerikanischen Soldaten. Manche tanzten nie und tranken nur. Vielleicht dachten sie, neben ihren Bräuten sitzend, an die Frauen jenseits des Atlantischen Ozeans. Sie trugen kurze Haare über gutmütigen Gesichtern, ihre Uniformen strahlten vor Sauberkeit, ihre großen Hände verteilten Dollars oder Zigaretten. Wenn sie Prügel verteilten, rief Bob die Militärpolizei und innerhalb von Minuten waren die Gesichter blutig geschlagen, die Uniformen zerrissen, von zwei Schlägen mit dem Gummiknüppel die Schlüsselbeine gebrochen, damit die Randalierer mit hängenden Armen abgeführt werden konnten. Meist aber reichte schon der Ruf MP, um die heimwehkranken Schläger zu trennen.

An der Bar hielten sich die Jungen aus der Stadt an ihren Gläsern fest. Leopold kannte sie alle. Obwohl er sie nicht hören konnte, wusste er, sie überspielten in ihrem schwerfälligen Dialekt die angeborene Langsamkeit und übertrafen sich gegenseitig an Stärke und Schlauheit.

Alle redeten gleichzeitig, ab und zu lachte einer, und dann fielen sie nacheinander in dieses Geholper mit ein. Hellwach lehnte Bob an der Bar. Der Schwager hatte keine Angst mit leicht nach vorne geschobenem Kopf dazwischen zu gehen, die Hände ausgestreckt, wie ein Boxer, der sich seiner Schnelligkeit bewusst ist und lässig die Deckung hängen lässt. Die Mädchen schielten zu den Tischen an der linken Fensterreihe hinüber.

Jeden Abend sang Paula, begleitet von Leopold, ein paar amerikanische Schlager. Ihr Englisch hatte eine weiche österreichische Färbung und war dem Akzent Wiener Künstler in der Emigration ähnlich, wenn sie versuchten, in die fremde Sprache hineinzufinden.

Den Höhepunkt bildete das Lied vom großen, dicken, bösen William, der nichts anderes im Sinn hat als möglichst viele Drinks in sich hineinzuschütten und sich dann zu prügeln, bis er eine Mama findet, die ihn zu den Kindern ins Haus zaubert und ihm sogar eine Schürze für den Abwasch verpasst. Big Bad Will wandelte sich, immer kurz vor Mitternacht, zu einem Sweet Willie. Obwohl Leopold weder fett noch groß oder böse war, zog Paula ihn bei den Schlussakkorden an der Krawatte von seinem Klavierhocker und die Amerikaner jubelten.

Robert bewunderte seine Schwester. Sie war beim Singen wie elektrisch geladen, wäre sogar auf ein Hochseil gestiegen, um die Familie durchzubringen. Er applaudierte und registrierte die Blitze in Paulas Augen.

Sie hatten sich dieses Leben nicht ausgesucht.

Eines Tages, auf der Uferpromenade, als er den Wolken nachträumte, die irgendwann über Wien ziehen würden, hatte die Schwester zu ihm gesagt: „Ich werfe jetzt meine ganze Traurigkeit in den Fluss, Bruderherz." Auch er hatte versucht, seine Trauer, seine Sehnsucht nach Wien im Kehrwasser zu versenken, aber es war ihm nicht gelungen. Vielleicht kreiselten nun die Tränen der Schwester in der Alten Donau, wohin der Vater sie zum Segeln mitgenommen hatte.

Manchmal erwachte Robert gegen Morgen, und wenn er die Augen geschlossen hielt, war er nicht in dem muffigen Zimmer zum Hof, sondern wieder in der Wohnung im ersten Bezirk, in den hohen Räumen der Dorotheergasse, dem langen Gang, den man entlang rennen konnte, wenn der Vater von der Arbeit nach Hause kam und in der Türe die Arme ausbreitete, in der rechten Hand seinen Hut, zusammen mit grauen Hirschlederhandschuhen.

Wie viele Thannhäusers mochte es in der deutschen Wehrmacht gegeben haben? Da konnte eine Verwechslung leicht möglich sein, auch unter Offizieren. Hatte die Mutter die Erkennungsmarke, die ein verwundeter Kamerad abgegeben hatte, nicht angesehen, als wäre sie ihr völlig fremd? Waren nicht in den ersten Jahren nach dem Krieg Familien zusammengeführt worden, die schon jegliche Hoffnung aufgegeben hatten? Konnte nicht auch ein Jahrzehnt später noch ein Wunder geschehen, und konnte nicht der Vater, vielleicht kriegsversehrt, aber lebendig eines Tages in der Türe stehen und sagen: „Wir gehen zurück nach Wien und bauen den Verlag wieder auf."? War denn Leos Vater, der nur noch als Nummer existierte, lebendiger?

Robert schloss die Augen. Als er das Klirren eines zerbrochenen Glases hörte, wusste er, er würde das Café Nizza, diese erbärmliche Bruchbude, wieder verteidigen müssen, wie damals seine Heimatstadt, versteckt unter einer Flakbatterie. Seine Trauer verwandelte sich in Wut. Er packte die Schläger an ihren Jacken und trennte sie. Abgerissene Knöpfe rollten über die Tanzfläche.

Seine Schwester kam ihm zu Hilfe, redete beruhigend auf die beiden ein und verteilte Papierservietten für die blutenden Nasen. Der frischpolierte Spiegel hatte einen Sprung. Wenn das Geschäft in diesem Fasching schlecht lief, würde er ihn behalten bis in den Sommer hinein.

Das Geschäft im Café Nizza lief gut, zumindest an diesem Abend. Sergeant First Class Brown, einer der Stammgäste, hatte Geburtstag. Die ganze Mannschaft trank auf seine Kosten. Im Interesse der Gäste verlängerte Paula den Whiskey.

Als die Letzten die Treppe hinunter stolperten, blieb einer zurück, mitten auf der Tanzfläche sitzend, mit seiner Gitarre. Er schwankte hin und her, vor und zurück, er stampfte mit den beschlagenen Absätzen, und seine dunklen Finger flogen mit einer Sicherheit über die Bünde, als wären die Saiten mit seiner Stimme verbunden. Er schrie den Blues in das leere Lokal, er wimmerte und seufzte, er schnalzte mit der Zunge, und manchmal hatte man den Eindruck, er wollte mit den einzelnen Strophen sein Stampfen überholen.

Die Melodie ergoss sich in die vollen Aschenbecher, die halb geleerten Gläser, die Sektkübel mit dem abgestandenen Wasser, und vielleicht schwebte sie draußen über dem Fluss wie ein Nebelfetzen und taute das Eis am Ufer.

Er sang von einer Frau, die nachts nicht nach Hause kommt, und Leopold fühlte, genauso würde es ihm ergehen, wenn Paula eine der vielen eindeutigen Einladungen der Gäste annehmen würde. Eine Zeitlang begleitete er den Sänger mit Klavierläufen, in denen Unruhe zu spüren war, aber schließlich blieb er mit geschlossenen Augen still sitzen.

Irgendwann klingelte Bob mit den Schlüsseln. Der Musiker erhob sich, legte seine Gitarre zurück in ihren Kasten, deckte sie liebevoll mit einem roten Samttuch zu und strich die Falten glatt, als würde sonst der Deckel des Instrumentenkoffers drücken. Leopold holte ihm seinen Militärmantel mit den silbernen Achselstücken von der Garderobe. Alle drei begleiteten ihn bis vor die Eingangstüre, wie einen König, den man zu seiner Kutsche bringt. Der König winkte, drückte sein Schiffchen schräg auf den Kopf, und ohne sich umzusehen verschwand er in der Nacht.

 

 

 

Robert stand vor dem Spiegel. Er zog ein frisch gestärktes Hemd über den Kopf, dann frisierte er sich noch einmal. In einer halben Stunde würde Nancy da sein, wenn er Glück hatte.

Die Frau eines amerikanischen Armeeangehörigen lebte auch in Deutschland in einer anderen Welt, und es bedurfte großer Vorsicht, von einer Welt in die andere zu schlüpfen, durch Hauseingänge, die von Nachbarinnen bewacht wurden, Treppenhäuser hinauf, wo jederzeit, wie zufällig, eine Türe geöffnet werden konnte, in eine Wohnung hinein, die nur über Schleichwege zu erreichen war. Wenn ihnen aber ein Treffen gelang, dann schwebten sie über allem, vor allem über den Vorurteilen. Für ein oder zwei Stunden hatten sie alle Zeit der Welt.

Sergeant Brown war eines Abends mit seiner Frau im Nizza erschienen. Die einzige Amerikanerin unter den deutschen Mädchen, mit verschlossenem, hochmütigem Gesicht. Brown hatte sie Leopold, Paula und Bob vorgestellt, großspurig mit weit ausgebreiteten Armen, als hätte er eine Tonne mitgebracht und nicht eine zierliche Person auf hohen schwarzen Absätzen. Nachdem sie eine Tasse Kaffee getrunken und eine Zigarette geraucht hatte, bestellte sie Wein. Paula empfahl ihr österreichischen Rotwein und Bob öffnete die beste Flasche, die er unter den Vorräten fand.

Die Frau des Sergeanten hob irgendwann das Glas, damit der Wein das Licht einfangen konnte und, ohne darüber nachzudenken, hob auch Robert sein Glas, prostete ihr quer durch den Raum zu, unmerklich für die anderen Gäste. Am Ende des Abends hatte er sich von Nancy mit einem Handkuss verabschiedet. Brown musste sich auf den Boden setzen vor Lachen, denn wie alles andere war auch dies für ihn ein Grund, warum die Germans den Krieg verloren hatten. Es blieb der einzige Besuch von Mrs Brown im Café Nizza, der einzige offizielle.

Mit Nancy Brown eine Liebschaft zu beginnen war gefährlich. Hätte ihr Mann davon erfahren, er wäre mit seinen Boys angerückt und hätte das Tanzlokal und die Einrichtung zerlegt, den jungen, wohlerzogenen Pächter mit dazu.

Während andere hochdekoriert aus dem Koreakrieg zurückgekommen waren, hatte Brown seinen Offiziersrang verloren. Er wäre mit Bob sicher genauso umgesprungen wie mit den koreanischen Schlitzaugen, die er noch fünf Jahre nach seinem Aufenthalt in den Reisfeldern am liebsten zur Hölle geschafft hätte. „I can tell you", lallte er oft, wenn er betrunken war, und schob die Ärmel über die tätowierten Unterarme. Er gab aber seine Geschichte nicht preis und deshalb trieben die Gerüchte unter den GIs sonderbare Blüten.

Jedes Mal, wenn Nancy es mit Paulas Hilfe bis in Roberts Wohnung geschafft hatte, lehnte sie sich erschöpft mit dem Rücken an die Wand.

 

 

 

Frau Thannhäuser kniete in der Kirchenbank. Ihre Hände waren vor dem Mund gefaltet, die beiden Daumen stützten das Kinn. Sie sah hinauf zur Gnadenmutter, doch sowohl Maria als auch das Jesuskind blickten mit glatten, goldenen Gesichtern in die Zukunft. Frau Thannhäuser bewegte ihre Lippen. Sie versuchte ihre Gedanken zu zügeln, denn sie passten nicht zu dem ,Gegrüßet seist du voll der Gnade ...`

Ich habe in den letzten Jahren keine Gnade erfahren, dachte sie. Nie mehr werde ich, zusammen mit meinem Mann, nach dem Besuch der Oper in einem Café sitzen, die Musik noch im Ohr, Freunden zuwinken, Bekannte grüßen, den Glanz genießen, der von der Größe eines Mozarts auf ein junges elegantes Paar herabfällt. Nie mehr werde ich im milden Licht eines Nachmittags in einer Ausstellung stehen, ein paar Schritte zurücktreten, den Kopf schief legen und das Leuchten bewundern, das die Gebrüder Klimt auf ihre Leinwände aufgetragen haben. Nie mehr werde ich in meinem weißen Sommeranzug auf unserem Segelboot in der Sonne liegen. Das Schluchzen der Jugend, so hatte Frau Thannhäuser immer gedacht, sei von einer Schwere und Ausweglosigkeit wie nichts auf der Welt. Nun aber war sie in eine Dunkelheit gesunken, aus der es kein Entrinnen gab.

Wir sind nicht mehr die allseits geachtete Familie, die in Wien einen Namen hatte. Das Leben hat sich abgewandt von uns, sieht durch uns hindurch, so wie die Gnadenmutter durch jeden hindurchsieht, der sich vor sie hinstellt und etwas fordert. All die Fürbitten haben nichts geholfen, weder die während des Krieges in der Michaelerkirche, vor einer anderen Gnadenmutter mit einem anderen Jesuskind auf dem Arm, genauso golden und glatt im Gesicht, als gäbe es kein Unglück auf der Welt, noch die auf der Flucht.

Sie senkte den Kopf, legte die Stirn in die gefalteten Hände. Nachdem sie in Wien ausgebombt worden waren, hatte sie hier Zuflucht gesucht, bei der Verwandtschaft ihres Mannes. Man behandelte sie wie eine Fremde und fragte, warum sie überhaupt hierher gekommen war. Sie hatte die Kinder vorgeschoben, die Kälte blieb.

Nun verkroch sie sich in der Kirche, wenn der Sohn sein amerikanisches Girl empfing. Robert, die große Hoffnung ihres Mannes, war Pächter eines Nachtlokals geworden. Paula hatte sich einen Musikus geangelt, der tingeln musste, weil er nicht mehr konnte als ein paar Schlager, die mit den Besatzungssoldaten über das große Wasser geschwappt waren.

Der Krieg hatte die Familie aus der Bahn geworfen, da half kein ,Der Herr ist mit dir`. Sie war nicht gebenedeit unter den Weibern, sie hatte unter Schmerzen und Blutverlust zwei Kinder in diese Welt gesetzt, ehe ihr von den Russen der Mann weggeschossen wurde. Seine Knochen lagen irgendwo auf einer Rückzugslinie der deutschen Wehrmacht. Es gab nicht einmal ein Grab, auf dem sie eine Kerze hätte anzünden können.

Hatte man da nicht das Recht ...?

Mit eingezogenem Kopf sah Frau Thannhäuser sich um, als hätte sie Angst, die anderen Frauen in diesem zugigen Kirchenschiff könnten ihre Gedanken erraten. Manchmal, wenn sie am Küchentisch sinnierte, trat unvermutet ihr Mann durch die Türe und sie begann mit ihm zu reden. Aber genauso wie die Gnadenmutter gab er keine Antwort. Die Kinder hatten sich eingerichtet in diesem Leben nach dem Krieg, in dieser Kleinstadt, wo die Küchen auf den Gang gelüftet wurden und der Tratsch in den Gassen blühte.

Frau Thannhäuser vermisste den Naschmarkt, den Volksgarten, den Ballhausplatz und die Alte Donau, doch niemand hätte sie dorthin zurückbringen können. Wenn der Sohn ihre Hand nahm, zuckte sie zurück. Es war die Hand eines ihr fremden Mannes, der eine Liebschaft führte mit der Frau eines Besatzungssoldaten, eine Liebe ohne Zukunft, so wie ihr eigenes Leben ohne Zukunft war. Sie war alleine auf der Welt, alleine in dieser Kirchenbank, auf diesem Kissen, das nicht verhindern konnte, dass sie an den Knien die gestopften Stellen ihrer wollenen Strümpfe spürte.

Früher hatten die Gebete Trost gespendet, früher war sie aus dem Halbdunkel der Kirche getreten und hatte ihr Gesicht der Sonne zugewandt, mit geschlossenen Augen. Früher hatte sie für alle gebetet, nun betete sie nicht einmal mehr für sich selbst. Selbst wenn sie zur Kommunion ging, war sie alleine, und das Amen stand in keinem Bezug zu ihrem Schicksal. Manchmal, wenn sie nachts wach lag, weil sie die Medizin vergessen hatte, starrte sie in die Dunkelheit und wünschte sich, sie möge in ihrem Bett erschlagen werden von diesem diebischen Gesindel, das die Stadt bedrohte, das enttäuscht sein würde von dem einzigen Kostüm, das der feschen Wienerin noch geblieben war, fadenscheinig an den Ellenbogen und durchgescheuert am karierten Kragen.

 

 

 

Die Stadt lebte von fünf Brauereien, deren Bier schon zum Frühschoppen in großen Mengen genossen wurde, vom Holz, das man in den Wäldern ringsum schlug, von der Schifffahrt und dem Handel mit österreichischen Weinen. Es gab kein Hinterland mehr zu verwalten. Damit hatten sich die Beamten der Grenzstadt abgefunden und die Flüchtlinge blieben oder suchten in einer Gegend, die man fälschlicherweise Amerika nannte, eine neue Heimat. Sie durchstreiften die Stadt mit Leiterwagen auf der Suche nach Alteisen. Mit jedem Fund sahen sie die Schiffspassage von Hamburg nach New York greifbarer vor Augen.

Paula betrat am frühen Nachmittag die Weinhandlung Lukasohn. Über der Probierstube lag der beißende Rauch langer, dünner Virginiazigarren. Man diskutierte bei einem Achtel Wein, der in schmucklosen Gläsern ausgeschenkt wurde, über die Tische hinweg.

Eine wichtige Frage beschäftigte die Gäste, die Ereignisse der letzten Nacht betreffend. Die Bäckerei Schönhuber war überfallen worden. Die Diebe hatten die Glastüre des Ladens mit Leukoplast abgeklebt, um sie geräuschlos eindrücken zu können. Einige Glassplitter waren dennoch auf den Steinfußboden gefallen und hatten den Bäcker geweckt. Mit einem Knüppel, der seit einer Woche griffbereit neben dem Bett stand, war er in den Laden hinuntergelaufen und hatte das Licht eingeschaltet. Geblendet von der Helligkeit sah er den Schatten eines Riesen, vielleicht auch zwei Schatten oder mehrere, schwarz und bedrohlich. Der Bäckermeister hatte nicht damit gerechnet, angegriffen zu werden und erkannte plötzlich die Lächerlichkeit seiner Waffe, mit der er durch die Luft fuchtelte wie Don Quichote.... 
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