KURZTEXT Ein barockes, bayerisches Verstheater eröffnet uns der Münchner Autor mit seinem "Senn", dessen Reise in 7 Tagen vom Gebirg herab nach Salzburg, über Burghausen und Altötting nach Passau führt. Es ist ein sprach- und bildgewaltiger Gesang, der z.B. an uraltbairischen Kosmologien und an den Altöttinger Mirakelbüchern anknüpft. Der Autor verbindet verschiedene Zeitebenen in diesem lyrischen Großentwurf, und es bleibt offen, ob uns diese apokalyptische Reise in die Vergangenheit oder auch in die Zukunft führt.
AUTOR UND ILLUSTRATOR
Armin Kratzert, geboren 1957 in Augsburg, aufgewachsen bei Rosenheim. Studium der Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik. Arbeitet als Journalist, lebt in München. "Der Senn" ist die erste Buchveröffentlichung des Autors. 1999 ist vom ihm "Gothik" im belleville Verlag erschienen.
Franz Hitzler, geboren 1946 in Thalmassing bei Regensburg. Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Lebt in München.
![]() Und es ist Ein Sausen in der Luft gewesen, Ein Klirren von Waffen und Gerät, ein Schnauben Und Schnattern, ein Lärmen und Brüllen und Juchzen. Gequollen sind die bunten Horden über Hügel, Wiesen und Äcker: Und ein Treiben Ist in den Wäldern gewesen. Waffen Haben geblinkt in der Sonne, Säbel Und Lanzen und silbernes Zaumzeug, wildfarbene Hosen und Jacken, rotes Leder und blaue Seide, Weiße Zeltbahnen und grüne Trossen, Braune, schwarze, lohfarbene Und gefleckte Tiere, Kordeln, Bänder und Riemen. Und die Fahnen: Es ist Ein Leuchten gewesen unter dem Himmel. Vorn auf dem Pferdl aber Ist einer gesessen Mit dunklem Haar und hungrigen Augen, Der Hat den Haufen angeführt - Nicht nur eine Horde, Die ganze Flut, die Wogen Schlagenden Heerscharen, Welle um Welle, wie sie übers Land Brandet und sich ergießt Über Dörfer und Städte Und Menschen. Das Blut ist gespritzt unter Den krummen Säbeln Und Leiber sind geflogen. Köpf hat man sehen können, grausig Aufgespießt auf den Lanzen, mit Verdrehten Augen. Die Leut sind gerannt Und ein Schreien War überall. Kaum ein Mann Hat sich hingestellt mit Erhobenem Arm und aufrechtem Mut Und die Obern warn weit. Dagelegen Sind die Erschlagenen in den Straßen Und Häusern, Kinder wie Frauen, Alte wie Junge, Zerhackt und blutend Und geschändet. Und Rauch ist in der Luft Gewesen und Feuer, und was übrig War nach dem Sturm und Den Flammen, war Stein und Wildnis und Tod. ![]() Und kein Halten war. Hingezogen hat sich das Morden Das Brennen und Sengen herauf von Den weiten Ebenen am Großen See über die Täler und Gaue Der Weinbauern bis ins Land Vor den Bergen, die Felder und Gärten, die Wege und Plätze, die Höfe Und Kirchen, die Stuben und Treppen Daheim. Ohnmächtig und wild Wie ein angestochenes Tier hat Der Senn Gebrüllt und ist aufgefahren von seinem Lager. Hat in die Nacht Gestiert aus seinen Augenlöchern. Geschüttelt Hats ihn vor Schrecken, wie Ein Alp hat das Gesicht ihn Angesprungen im Schlaf. Und still Ist die Nacht draußen gewesen. Der Senn hat das Vieh nicht Gehört hinten im Stall und Nicht den Brunnen am Fels, keinen Nachtvogel, kein Rauschen im Wald. Gelauscht hat er, und nur drinnen In seinem Kopf hat noch etwas Gehallt. Gebeutelt hats ihn, Den Senn. Und dann ist die Wut gekommen: Gepackt hats ihn Und umherfahren lassen in Seiner Kammer wie Den eingsperrten Wolf. Sein Sach hat er Fortgeschmissen und Im Kasten gewühlt, in der Kuchl Gekramt. Brot und Käs und Speck Hat er in den Rucksack geschoben, das Messer Dazu und Tabak. Das Vieh hat er aufgescheucht Und hinausgetrieben Auf die finsteren Matten. Gebrunzt hat er Noch hinten am Gatter, die Läden Zugeschlagen. Die Glut unterm Kessel am Herd Auseinandergerissen, verblasen und Zerstreut, bis sie gar war. Er hat sein Sach genommen, hat Die Tür verriegelt und ist Losgezogen zum Wald hin. Und es war immer noch Nacht. Den Pfad ins Tal Hat er bald verlassen. Hat sich In die Büsche geschlagen, Der Senn, Dort wo am Holzplatz die Stämme Noch gelegen sind Vom Winter. Ist durch den Hochwald gelaufen Schnellen Schritts, knackend Auf trockenem Geäst, Nadeln fortstiebend und Zapfen Unter seinem Fuß, geschlagen Von rauhen Zweigen und an den Stämmen schürfend mit weit ausholendem Arm. Unterm Iglmoos ist er Über die Lichtung getrabt, hat Wild Verschreckt, das da äsend stand Und die erste Dämmerung gesehen Hinterm Kalmberg. Tiefblau Und rot ist der Himmel geworden Überm Wald und Ein Streif von Licht hat sich Zwischen die Felsen geschoben. Der Senn ist eingetaucht in Den Fichtenschlag, hat sich Die Bahn gepflügt durchs dichte Grün, schnaufend und zornig. Gebückt manchmal und Aufrecht wieder ist er Herausgekommen am End Und hat morsche Bretter zertrampelt Von einem moosigen Zaun. Hinunter zum Bach Ist er gerutscht über Zähen Mergel, auf Händen und Füßen die Böschung aufgewühlt Hat er. Und den Rucksack hingeworfen, Aufs Knie sich gestützt, die Händ gehalten ins kalte Rinnen und Wasser geschaufelt Zum Maul mit den Pratzen. Es ist Schon fast hell wieder gewesen, Wie er den Bachlauf entlang Weiter sein Fortkommen gesucht Hat, patschend In Gumpen und hüpfend Über glatte Steine und hellgeschliffene Stämme. Hinauf zum Paß Hat er den Weg genommen. Angegrinst Hat den Senn droben Auf der Höh Agath, die alte Wirtin. Er hat sein Sach Auf die Hausbank gehauen und sich. Schon hat die Sonn Heruntergebrannt, nach Holzrauch Hat es gerochen und Warmem Stein. Das Fichtenschlagen haben die Knechte im Wald grad Begonnen und ein Karren Ist ins Holz gerumpelt weit unten. Ins Dorf Hat der Senn nicht mehr Schauen können von Dem Fleck, Und still ists gewesen Fürs Aug: Den Dachstein, Thorstein, Krippenstein Hat verhüllt eine graue Wolken. Die Agath Ist da gestanden mit 7 Röcken und 5 Joppen, mit Dem Wams und den Hadern und Den Schlapfen und Hauben und Fetzen. Dem Senn hat sie Eine Milchsuppen hingestellt, einen Irdenen Hafen, einen Teller, und Brot. Und ist im Haus wieder gewesen. Der Senn Hats Brot gebrockt und die Rahmige Haut gezogen vom Teller, Hat geschleckt und gerührt, hat Ans Maul gesetzt den Hafen und Hineingeschüttet die Suppen. Dann Hat die Unruh ihn weiter Getrieben. Sein Sach hat er Gepackt, hat in die Tür Gegrunzt und ist drüben gewesen Im Salzburgischen. Rußbach hat er Liegengelassen zur Rechten Und ist hinausgezogen ins Lammertal. Gebraust hat der Bach in den Blöcken und Tobeln und Wänden, und ein Heißer Geruch ist heruntergegangen Vom Wald. Kein Mensch war am Weg Und wenig Viehzeug nur. Leer Waren die Wiesen. Und leer die Koppeln und Gatter. Kroppzeug Allemal hat er Gesehen, der Senn, einen Ratz in der Schlucht und Igel und Hasen. Und Bremsen zur Plage, Schwirrendes Getier, das Wild war vor Hitzen, gierig Auf Schweiß und auf Blut. Der Senn hats Genommen: Wie es war. An Abtenau ist er vorbei- Gezogen, der Senn, und die Schatten warn länger schon Unterm Tennengebirg. Hinunter Ist er die Schwarzenbachschlucht Zur Steinmühl und hat Ein Lager gesucht bei Voglau. Den Sack Hat er abgelegt in einem Bogen der Lammer, hat auf Weißen Kies Sich gelegt nicht weit Von den Öfen, der Senn. Kein Feuer Hat er gemacht, hat Wasser getrunken und den Leib ausgestreckt unterm Himmel. Dunkel ists gewesen Im Wald Rundum und die Nacht hat ihn Angesprungen, den Senn, Und mit ihr das Schrein und die Fratzen und blutigen Leiber.
PRESSESTIMMEN "Wortgewaltig schreibt sich Armin Kratzert von der österreichischen Alm bis nach Passau. ... Der Leser ist schnell in den Bann dieses atemlosen 'Gesanges' gezogen. In seinem Verstheater verknüpft er die Zeiten, verwischt er die Dimensionen. Ist es der Dreißigjährige Krieg oder sind es die Schlachten des 20. Jahrhunderts oder ist es die ewige Hölle auf Erden? ... Das Buch ist ein gelungener und zeitloser Kommentar, eine furiose Reise in den Alp." (Stefan Rammer in: PASSAUER NEUE PRESSE, 23.11.1998) "Eine apokalyptische Zeitreise beginnt, eine Fuß- und Flußreise, topographisch anschaulich geschildert. Viele Orte werden berührt auf dem Weg vom Gebirg über Salzburg, Burghausen, Altötting, Pfarrkirchen nach Passau. Mit barocker Sprach- und Bildkraft entwirft der Autor ein mitreißendes Szenario, in dem geschichtliche, gegenwartsbezogene, reale und irreale Elemente ineinander verfließen." (Rupert Schützbach in: DIE NEUE BÜCHEREI, Heft 1999/3) "Schon der Introitus läßt an große Epen denken, assoziiert biblische Texte ebenso wie die barocke Sprache alter Mirakelaufzeichnungen an Wallfahrtsorten. ... dieses Buch liest man nicht nur ein einziges Mal, und immer wieder ist man mitgerissen in einen Strudel menschlicher Verlorenheit, animalischer Unerlöstheit". (Hans Gärtner in: LANDSHUTER ZEITUNG, 24.7.1999)
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