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Armin Kratzert,
Der Senn.

Reise in 7 Tagen von der Alm nach Passau.
Ein Gesang, 8 Illustrationen von Franz Hitzler, lichtung verlag 1998, 96 S., 10,20 Euro
ISBN 3-929517-29-9
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Ein barockes, bayerisches Verstheater eröffnet uns der Münchner Autor mit seinem "Senn", dessen Reise in 7 Tagen vom Gebirg herab nach Salzburg, über Burghausen und Altötting nach Passau führt. Es ist ein sprach- und bildgewaltiger Gesang, der z.B. an uraltbairischen Kosmologien und an den Altöttinger Mirakelbüchern anknüpft. Der Autor verbindet verschiedene Zeitebenen in diesem lyrischen Großentwurf, und es bleibt offen, ob uns diese apokalyptische Reise in die Vergangenheit oder auch in die Zukunft führt.


 
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AUTOR UND ILLUSTRATOR

 

Armin Kratzert, geboren 1957 in Augsburg, aufgewachsen bei Rosenheim. Studium der Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Germanistik. Arbeitet als Journalist, lebt in München. "Der Senn" ist die erste Buchveröffentlichung des Autors. 1999 ist vom ihm "Gothik" im belleville Verlag erschienen.

 

Franz Hitzler, geboren 1946 in Thalmassing bei Regensburg. Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Lebt in München.

 


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LESEPROBE

DER SENN: ERSTER TAG


Und es ist
Ein Sausen in der Luft gewesen,
Ein Klirren von Waffen und Gerät, ein
Schnauben
Und Schnattern, ein Lärmen und Brüllen und
Juchzen. Gequollen sind die bunten
Horden über Hügel,
Wiesen und Äcker: Und ein Treiben
Ist in den Wäldern gewesen.
 
Waffen
Haben geblinkt in der Sonne, Säbel
Und Lanzen und silbernes Zaumzeug, wildfarbene
Hosen und Jacken, rotes Leder und blaue Seide,
Weiße Zeltbahnen und grüne Trossen,
Braune, schwarze, lohfarbene
Und gefleckte Tiere,
Kordeln, Bänder und Riemen.
Und die Fahnen: Es ist
Ein Leuchten gewesen unter dem Himmel.
 
Vorn auf dem Pferdl aber
Ist einer gesessen
Mit dunklem Haar und hungrigen Augen,
Der
Hat den Haufen angeführt -
Nicht nur eine Horde,
Die ganze Flut, die Wogen
Schlagenden Heerscharen, Welle um
Welle, wie sie übers Land
Brandet und sich ergießt
Über Dörfer und Städte
Und Menschen.
Das Blut ist gespritzt unter
Den krummen Säbeln
Und Leiber sind geflogen.
Köpf hat man sehen können, grausig
Aufgespießt auf den Lanzen, mit
Verdrehten Augen.
Die Leut sind gerannt
Und ein Schreien
War überall. Kaum ein Mann
Hat sich hingestellt mit
Erhobenem Arm und aufrechtem Mut
Und die Obern warn weit.
Dagelegen
Sind die Erschlagenen in den Straßen
Und Häusern, Kinder wie Frauen,
Alte wie Junge,
Zerhackt und blutend
Und geschändet.
Und Rauch ist in der Luft
Gewesen und Feuer, und was übrig
War nach dem Sturm und
Den Flammen, war
Stein und Wildnis und
Tod.


 
Und kein Halten war.
Hingezogen hat sich das Morden
Das Brennen und Sengen herauf von
Den weiten Ebenen am
Großen See über die Täler und Gaue
Der Weinbauern bis ins Land
Vor den Bergen, die
Felder und Gärten, die
Wege und Plätze, die Höfe
Und Kirchen, die Stuben und Treppen
Daheim.
 
Ohnmächtig und wild
Wie ein angestochenes Tier hat
Der Senn
Gebrüllt und ist aufgefahren von seinem
Lager. Hat in die Nacht
Gestiert aus seinen Augenlöchern.
Geschüttelt
Hats ihn vor Schrecken, wie
Ein Alp hat das Gesicht ihn
Angesprungen im Schlaf.
 
Und still
Ist die Nacht draußen gewesen.
Der Senn hat das Vieh nicht
Gehört hinten im Stall und
Nicht den Brunnen am Fels, keinen
Nachtvogel, kein Rauschen im Wald.
Gelauscht hat er, und nur drinnen
In seinem Kopf hat noch etwas
Gehallt.
Gebeutelt hats ihn,
Den Senn.
Und dann ist die Wut gekommen:
Gepackt hats ihn
Und umherfahren lassen in
Seiner Kammer wie
Den eingsperrten Wolf.
 
Sein Sach hat er
Fortgeschmissen und
Im Kasten gewühlt, in der Kuchl
Gekramt. Brot und Käs und Speck
Hat er in den
Rucksack geschoben, das Messer
Dazu und Tabak.
Das Vieh hat er aufgescheucht
Und hinausgetrieben
Auf die finsteren Matten.
Gebrunzt hat er
Noch hinten am Gatter, die Läden
Zugeschlagen.
Die Glut unterm Kessel am Herd
Auseinandergerissen, verblasen und
Zerstreut, bis sie gar war.
Er hat sein Sach genommen, hat
Die Tür verriegelt und ist
Losgezogen zum Wald hin.
Und es war immer noch
Nacht.
 
Den Pfad ins Tal
Hat er bald verlassen. Hat sich
In die Büsche geschlagen,
Der Senn,
Dort wo am Holzplatz die Stämme
Noch gelegen sind
Vom Winter.
Ist durch den Hochwald gelaufen
Schnellen Schritts, knackend
Auf trockenem Geäst,
Nadeln fortstiebend und Zapfen
Unter seinem Fuß, geschlagen
Von rauhen Zweigen und an den
Stämmen schürfend mit weit ausholendem
Arm. Unterm Iglmoos ist er
Über die Lichtung getrabt, hat Wild
Verschreckt, das da äsend stand
Und die erste Dämmerung gesehen
Hinterm Kalmberg. Tiefblau
Und rot ist der Himmel geworden
Überm Wald und
Ein Streif von Licht hat sich
Zwischen die Felsen geschoben.
 
Der Senn ist eingetaucht in
Den Fichtenschlag, hat sich
Die Bahn gepflügt durchs dichte
Grün, schnaufend und zornig.
Gebückt manchmal und
Aufrecht wieder ist er
Herausgekommen am End
Und hat morsche Bretter zertrampelt
Von einem moosigen Zaun.
Hinunter zum Bach
Ist er gerutscht über
Zähen Mergel, auf Händen und
Füßen die Böschung aufgewühlt
Hat er.
Und den Rucksack hingeworfen,
Aufs Knie sich gestützt, die
Händ gehalten ins kalte
Rinnen und Wasser geschaufelt
Zum Maul mit den Pratzen.
 
Es ist
Schon fast hell wieder gewesen,
Wie er den Bachlauf entlang
Weiter sein Fortkommen gesucht
Hat, patschend
In Gumpen und hüpfend
Über glatte Steine und hellgeschliffene
Stämme. Hinauf zum Paß
Hat er den Weg genommen.
 
Angegrinst
Hat den Senn droben
Auf der Höh Agath, die alte
Wirtin. Er hat sein Sach
Auf die Hausbank gehauen und sich.
Schon hat die Sonn
Heruntergebrannt, nach Holzrauch
Hat es gerochen und
Warmem Stein.
Das Fichtenschlagen haben die
Knechte im Wald grad
Begonnen und ein Karren
Ist ins Holz gerumpelt weit unten.
Ins Dorf
Hat der Senn nicht mehr
Schauen können von
Dem Fleck,
Und still ists gewesen
Fürs Aug:
Den Dachstein, Thorstein,
Krippenstein
Hat verhüllt eine graue Wolken.
 
Die Agath
Ist da gestanden mit
7 Röcken und 5 Joppen, mit
Dem Wams und den Hadern und
Den Schlapfen und Hauben und
Fetzen.
Dem Senn hat sie
Eine Milchsuppen hingestellt, einen
Irdenen Hafen, einen Teller, und
Brot.
Und ist im Haus wieder gewesen.
Der Senn
Hats Brot gebrockt und die
Rahmige Haut gezogen vom Teller,
Hat geschleckt und gerührt, hat
Ans Maul gesetzt den Hafen und
Hineingeschüttet die Suppen.
Dann
Hat die Unruh ihn weiter
Getrieben. Sein Sach hat er
Gepackt, hat in die Tür
Gegrunzt und ist drüben gewesen
Im Salzburgischen.
 
Rußbach hat er
Liegengelassen zur Rechten
Und ist hinausgezogen ins
Lammertal. Gebraust hat der
Bach in den Blöcken und
Tobeln und Wänden, und ein
Heißer Geruch ist heruntergegangen
Vom Wald.
Kein Mensch war am Weg
Und wenig Viehzeug nur. Leer
Waren die Wiesen. Und leer die
Koppeln und Gatter.
Kroppzeug
Allemal hat er
Gesehen, der Senn, einen
Ratz in der Schlucht und
Igel und Hasen.
Und Bremsen zur Plage,
Schwirrendes Getier, das
Wild war vor Hitzen, gierig
Auf Schweiß und auf
Blut.
 
Der Senn hats
Genommen: Wie es war. An
Abtenau ist er vorbei-
Gezogen, der Senn, und die
Schatten warn länger schon
Unterm Tennengebirg. Hinunter
Ist er die Schwarzenbachschlucht
Zur Steinmühl und hat
Ein Lager gesucht bei Voglau.
Den Sack
Hat er abgelegt in einem
Bogen der Lammer, hat auf
Weißen Kies
Sich gelegt nicht weit
Von den Öfen, der Senn.
Kein Feuer
Hat er gemacht, hat
Wasser getrunken und den
Leib ausgestreckt unterm Himmel.
Dunkel ists gewesen
Im Wald
Rundum und die Nacht hat ihn
Angesprungen, den Senn,
Und mit ihr das Schrein und die
Fratzen und blutigen Leiber.

 
 
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"Wortgewaltig schreibt sich Armin Kratzert von der österreichischen Alm bis nach Passau. ... Der Leser ist schnell in den Bann dieses atemlosen 'Gesanges' gezogen. In seinem Verstheater verknüpft er die Zeiten, verwischt er die Dimensionen. Ist es der Dreißigjährige Krieg oder sind es die Schlachten des 20. Jahrhunderts oder ist es die ewige Hölle auf Erden? ... Das Buch ist ein gelungener und zeitloser Kommentar, eine furiose Reise in den Alp." (Stefan Rammer in: PASSAUER NEUE PRESSE, 23.11.1998)

"Eine apokalyptische Zeitreise beginnt, eine Fuß- und Flußreise, topographisch anschaulich geschildert. Viele Orte werden berührt auf dem Weg vom Gebirg über Salzburg, Burghausen, Altötting, Pfarrkirchen nach Passau. Mit barocker Sprach- und Bildkraft entwirft der Autor ein mitreißendes Szenario, in dem geschichtliche, gegenwartsbezogene, reale und irreale Elemente ineinander verfließen." (Rupert Schützbach in: DIE NEUE BÜCHEREI, Heft 1999/3)

"Schon der Introitus läßt an große Epen denken, assoziiert biblische Texte ebenso wie die barocke Sprache alter Mirakelaufzeichnungen an Wallfahrtsorten. ... dieses Buch liest man nicht nur ein einziges Mal, und immer wieder ist man mitgerissen in einen Strudel menschlicher Verlorenheit, animalischer Unerlöstheit". (Hans Gärtner in: LANDSHUTER ZEITUNG, 24.7.1999)