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Armin Kratzert, König Ludwig Love Sensation. [the neuschwanstein tapes]

lichtung verlag Viechtach 2002, 56 S., 9,10 Euro,
ISBN 3-929517-53-1

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Die Touristen, nicht nur die Japaner und Amerikaner, strömen in seine Schlösser, das Ludwig-Musical in Füssen wird seit zwei Jahren erfolgreich gespielt. Auch die Künstler und Schriftsteller reizt es immer wieder, sich mit dem Märchenkönig zu beschäftigen. In Armin Kratzerts Gedicht, geschnitten in 6 Szenen, kehrt der König in seine Residenzstadt München, in sein bayerisches Land zurück: der nackte weiße Leib des / toten königs wird sich / strahlend / aus dem kalten see erheben ...

 


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Der Münchner Autor Armin Kratzert knüpft mit dem Ludwig-Gedicht an seinen Debütband Der Senn. Reise in 7 Tagen von der Alm nach Passau an, den die Kritik als „sprachgewaltige Verserzählung" (DAS GEDICHT,1999), als einen „immer machtvoller anschwellenden Gesang" (LANDSHUTER ZEITUNG), einen „apokalyptischen Streifzug, ... eine furiose Reise in den Alp" (PASSAUER NEUE PRESSE) lobte.

 


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ooommmhhh.
 
blitze, und rauschen. dann
nebel, grelles licht, die musiker
nehmen ihre plätze ein.
programmstart.
jetzt auftritt ludwig, stumm.
schnitt.
 
der nackte weiße leib des
toten königs wird sich
strahlend
aus dem kalten see erheben,
er wird die augen öffnen, wandeln
über das wasser, leichtfüßig und
schnell gen westen, wo das
leuchten über seinen bergen steht,
in den blumen des waldes, in
glitzernden eisbächen;
und die nacht wird sein
hell wie der tag, laut und
glühend;
wolken werden sich rotten und
sterne zu haufen, die erde wird
zittern, und brennen wird
die stadt münchen;
der könig aber wird
sich aufrichten 30 fuß hoch
über dem land bayern,
die arme weit, sein haupt bekrönt:
und siehe, dort wird stehen
das weiße haus am himmel,
das schloß in den felsen, die
burg des mondes,
neuschwanstein.

 
dort, ludwig,
hörst du den widerhall dieses
rasenden jahrhunderts, grausames
echo, tosenden klang, trommeln,
die ein tödliches stakkato
in unsre müden hirne
schlagen, in die schädel
der tänzer, leute aus den
städten, halbnackt, glänzend
vor schweiß und lust, mit
jungen körpern, haarlos, bemalt,
durchbohrt von ringen und nadeln;
es sind, ludwig, teuer
bezahlte knechte der technik,
vitale kadaver, die
wasser trinken und gefährliche
medizinen schnupfen, die
träumend
an kalten monitoren spielen,
selbstvergessen und schön, die
plötzlich mit dem zucken
eines lids eruptionen von haß
durch ihren ganzen leib in
einen joystick jagen
und zappelnde digitale
wesen niedermähen mit
bunten streifen aus licht:
schau!
 
und leise
wird der könig die männer
und frauen rufen, die mit ihm
wohnen wollen, jubeln und singen
auf dem heiligen berg.

 
ich will dir deine
leute zeigen: das
ganze volk. das land.
die städte.
aber, ludwig, studiere auch
die augen dieses säuglings,
eines knaben,
dessen dunkle pupillen ruhelos
den ort durchstreifen, flackernd;
kennst du ihn, deinen sohn,
der nun mit hartem bauch,
sich krümmend, heulend auf
dem polster deines thrones liegt
und zeugnis gibt vom leben
deiner leute: ein foto.
ja, und eine warnung.
 
sie werden tanzen
auf dein geheiß, werden
sich formieren zum kratzigen klang
der geigen, der harfe, des
süßen cembalos, und werden,
unter verbeugungen, gespreizt,
still und feierlich dir den
hof machen, o könig.

 
sie können, ludwig,
maschinen bauen, die
schneller rechnen, als ein gott
sieht, maschinen, die
denken können wie unsre hirne,
die alles wissen und
nichts,
die sprechen und doch
nichts verstehn; die aber
wahrhaft
leben. maschinen, ludwig, die
wohl größer sind als wir,
die wir nur menschen sind.
 
bitteren nektar werden sie
trinken
und dunkle lieder singen
dem träumenden könig
in seinem kristallenen alp.

 
ludwig,
sieh dir an, wie die menschen
leben in den städten, in den engen
häusern, laut und stickig, wie sie
rastlos geschäfte treiben, handeln,
rennen;
wie sie essen, atmen, schlafen,
schauen, plappern; wie sie gelb
glimmende geräte sammeln, die sie
kaum verstehn; wie sie motoren
aus leichtmetall kreischen,
tödliche geschosse schwirren
und flieger durch
die nacht heulen
lassen; wie sie funken
schlagende netze
über den planeten spannen und
ihre bilder, töne, worte
in den äther schreiben:
so hörst du sie reden, ludwig.
 
und zu trommelschlägen die
gewundenen treppen hochsteigen
zum saal unterm dach, zum
teppichgeschmückten,
elfenbeingeschnitzten, karneol-
funkelnden, vielbesungenen,
von gebeten hallenden, von
fackeln aus dem dunkel gerissenen
und nach seltener harze rauch
duftenden
thronsaal, dem goldenen horst,
des drachen höhle, dem gipfel,
der kirche.

und hörst du sie wirklich,
ludwig,
hörst du sie reden?
sie reden,
nur über sich, keiner glaubt
dem andern, keiner
sieht ihm in die augen,
nein, ja, nein, hör mir zu,
schreien sie,
und sie schreien es laut,
und was sie meinen ist:
ich bin groß und mächtig, ich will
verstanden werden, ich bin es,
der mittelpunkt der welt.
ja,
vielleicht haben sie träume,
ludwig, vielleicht
ist es einzigartig
und kostbar, was sie sagen,
vielleicht auch sind sie
verletzt worden in ihrem
kleinen leben.
doch sag zu ihnen:
halts maul!
ludwig. geh weg. schau sie
nicht an. denn sie würden dich
fressen. aussaugen. wiederkäuen.
und dich in die gosse spucken
wie kot.
 
und es wird ein fest sein,
mein könig!

 
doch mancher,
ludwig,
wird allein an seinem tisch
sitzen, allein und still in der
kalten nacht des herzens, er
wird nichts hören oder sehen,
er wird auf das papier starren, das
eng beschrieben vor ihm liegt:
gebete, formeln, ein testament -
oder ein fluch.

 


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