Aufgrund einstweiliger gerichtlicher Verfügung ab der 3. Auflage geändert, geschwärzte Original-Ausgaben in begrenztem Umfang vorhanden! KURZTEXT 39 Erzählungen aus der Justiz - Geschichten über Rechtsanwälte, Staatsanwälte, Richter, Schöffen und Angeklagte, über die Fürsorg" Sturm und die Übersetzerin Olga, über bürgerliche Gewächse und Männerparagraphen, und natürlich über die Wachtmeister in der Geschäftsstelle... Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung, der selbst vor seiner journalistischen Laufbahn am Gericht in Regensburg tätig war, schreibt im Vorwort des Buches: Benno Hurt ist Richter, also Mund der Justiz. Aber er ist zugleich Auge und Ohr. Er ist also Richter und Zeuge zugleich. Zum einen spricht er selbst Recht - zum anderen beobachtet er all die, die den Lauf der Gerechtigkeit und der Aktenwägen organisieren: Anwälte, Wachtmeister, Inspektoren. Er beobachtet sie mit scharfem und zugleich liebevollem Auge, er hört hinein in die Geschäftsstellen, Schreibstuben und Wachtmeistereien. Er möchte wissen, was sich hinter der Bühne tut. Benno Hurt und der Lauf der Gerechtigkeit: Er kennt ihre Kapriolen und Irrwege, er kennt das Bemühen der Justiz und auch ihr Versagen. In seinen Geschichten legt er sich freilich nicht an mit den Menschen, die die schwarze Robe tragen, er ist ihnen vielmehr zugetan, mehr noch: Irgendetwas Amouröses verbindet ihn mit der Justitia. Er ist zwar nicht ihr Minnesänger, er ist auch nicht ihr Liebhaber er ist ihr zärtlicher Porträtist."
AUTOR Hurt Benno, 1941 in Regensburg geboren, Richter, lebt in der Nähe von Regensburg. Veröffentlichungen: Zahlreiche Erzählungen und Gedichte in verschiedenen Zeitschriften, Anthologien und im Rundfunk. Roman-Trilogie Eine Deutsche Meisterschaft" (1991), Der Wald der Deutschen" (1993), Ein deutscher Mittelläufer" (1996), Prosaband Jahreszeiten" (1998). Theaterstücke: Freies Geleit" (UA 1987), Weinzwang" (UA 1990), Wer möchte nicht den Wald der Deutschen lieben!" (UA 1991), Gedichtband Poggibonsi auf Kodachrome" (1999). Veröffentlichte Fotos in vielen Fotozeitschriften und Kulturmagazinen, seit 1979 Fotoausstellungen im In- und Ausland.
LESEPROBEN Die Besuchserlaubnis Eine Geschäftsstelle ist nicht nur ein Raum zur Aufbewahrung von Akten. Auch die Justizbeamten Nießlbeck und Biederer haben darin ihren Platz. Wenn die beiden ihren Blick vom Schreibtisch erheben, schauen sie auf das Verbrechen, das in den Regalen lagert. An sonnigen Vormittagen leuchten die roten Strafakten rot wie das Blut, von dem sie handeln. Die Bildzeitung liegt den Morgen über ausgebreitet vor Biederer. Zum Umblättern nimmt Biederer das Messer nicht aus der Hand, mit dem er in Lesepausen ein Stück von dem Leberkäs aufspießt, der in Würfeln geschnitten auf einem Butterbrotpapier neben der Zeitung liegt. Zum Leberkäs paßt, findet Biederer, dann und wann, in kleinen Schlucken aus der Flasche genossen, Cola-Light. Leberkäs und eiskaltes Cola - das schlägt sich doch auf den Magen!" sorgt sich Nießlbeck um Biederer. Das schlägt sich auf den Magen! Wenn du so etwas liest! Ganz Deutschland redet von Jugendkriminalität. Das Referat platzt aus allen Nähten. Und die da oben verordnen uns eine Nullrunde nach der anderen." Damit kommen sie nicht durch", sagt Nießlbeck. Wir müssen zum Jugendrichter Kurz", sagt die
eine.
Andrej oder Die Lichter der Stadt Während der Staatsanwalt die Anklageschrift verliest, hält Andrej den Kopf gesenkt. Der Angeklagte zeigt sich geständig und einsichtig. Diktiert Jugendrichter Kurz schon jetzt im Geist die Urteilsbegründung. Von der Höhe der Richterbank sieht das blonde Haar des Angeklagten ungekämmt aus. Unausgeschlafen sitzt er seinem Richter gegenüber. Heute ist sich Kurz sicher, daß der junge Mann aus Kasachstan nicht wach werden wollte in diesem Land. Das ihm seine Eltern verordnet hatten. Weil deren Eltern einmal Deutsche gewesen waren. Staatsangehörigkeit deutsch?" Ja", antwortet er ohne Zuhilfenahme der Dolmetscherin und schaut den Richter verwundert an. Kurz hat ihn nur Ja sagen hören, nicht Nein. Ja. Kein deutsches Wort sonst. Ja, als sei er mit allem hier einverstanden. Zu Hause hat der Andrej Tiere geschlachtet, Schweine und Lämmer. Am liebsten aber hat er mit ihnen gespielt", erzählt die Fürsorg von der Jugendgerichtshilfe und lächelt ihm zu. Hat er oder mußte er? fragt sich Richter Kurz und schaut ihm in die Augen, die müde sind und ohne Erwartung, wie die von Lämmern. Wie schauen diese Augen beim Schlachten von Lämmern? An Lamm und Büffel hat Kurz später immer gedacht beim Verlesen der Urteilsformel und es vermieden, dem verurteilten Andrej dabei in die Augen zu sehen. In Frankfurt am Main sah er erstmals im Leben eine Rolltreppe, in einem Hotel im Bayerischen Wald zum ersten Mal ein Wasserklosett", berichtet die Fürsorg, daß in Deutschlands Großstädten nachts die Lichter niemals ausgehen, das hat den Andrej am meisten fasziniert." Bei uns in Kasachstan gilt, du mußt mitmachen, sonst bist du ein Feigling und gehörst nicht dazu", hat die Fürsorg von ihm erfahren. Also hat er mitgemacht", erklärt es die Fürsorg lakonisch. Die Bundesrepublik ist doch nicht Kasachstan", wendet der Richter ein. Der Andrej verkehrt hier aber mit denselben Leuten. Nämlich ausschließlich mit Russen und Rußlanddeutschen", klärt sie ihn auf. Der Verurteilte fügt sich nicht in die Rechtsordnung unserer Republik, steht in Kurz' Urteilsgründen. Was stimmt und nicht. Andrej war ein ordentlicher Angeklagter, erinnert sich Richter Kurz. Als Dieb, als Hehler, als Konsument, als Dealer. Er hat sich immer als erster erhoben, wenn das Gericht zu Verhandlungsbeginn den Saal betrat. Er war schon aufgestanden, wenn es von der Beratung zurückkehrte, um ihm seine Strafe zu verkünden. Daß er die harte, aber gerechte Strafe teilnahmslos zur Kenntnis genommen hätte, haben die Mittelbayerischen Nachrichten geschrieben. Er war es gewohnt, sich zu fügen. Gegenseitiges Quälen, Einschüchtern, Erpressen sei in der ehemaligen Sowjetunion ein Teil der männlichen Sozialisation, behauptet die Fürsorg. Die jungen Männern akzeptierten das als normal. Eine Vorbereitung auf die russische Armee, die einem Raubtierrudel ähneln würde. Er hat sich gefügt. Dem Unrecht in seiner Heimat. Dem Recht hier in Deutschland, das ihm nicht zur Heimat wurde, weiß Richter Kurz heute. Was will er mit der Unmenge Whisky, mit den Jacken aus feinem Nubuk-Leder? hat sich Kurz am Anfang gefragt. Was ist die gerechte Strafe für diese Diebstähle? Ist es überhaupt gerecht, ihn zu bestrafen? Da er außer Ja kein Wort Deutsch sprach, war er auf dem Arbeitsmarkt kaum zu vermitteln. Also ließ ihn Jugendrichter Kurz als Erziehungsmaßregel gemeinnützig arbeiten, verpaßte ihm als Vorgeschmack auf eine lange Freiheitsentziehung Kurzarreste und steigerte nach und nach das Zuchtmittel auf vier Wochen. Nachdem er schließlich den gesetzlichen Katalog erzieherischer Maßnahmen durchlaufen hatte, war Kurz als Einzelrichter nicht mehr allein für ihn zuständig. Die Luft wurde jetzt für ihn dünner: Nicht nur Kurz, sondern ein Schöffe vom Land, der der Meinung ist, daß es so nicht mehr weitergeht in Deutschland, und eine Arztehefrau, die liberal ist wie ihr Mann, aber das Vordringen von Spätaussiedlern in ihr Villenviertel fürchtet, sie saßen nun mit über ihn zu Gericht. Er ist nicht gewalttätig", versucht Richter Kurz, den Landschöffen zu beruhigen. Sie kommen als Aleksej und Nikolaj und prügeln als Alexander und Nikolaus auf uns Deutsche ein!" schimpft der. Ein paar Häuser weiter haben sie jetzt Rußlanddeutsche einquartiert. In die Herzogvilla, die saniert werden soll. Von meiner Garage gehe ich jetzt nicht mehr allein nach Haus", klagt die Arztehefrau in der Urteilsberatung. Der Andrej trifft sich nachts mit Freunden auf dem Parkplatz des Netto-Marktes, steht unter Freizeitgestaltung in Fürsorgs Bericht. Alle Russen haben Heimweh, sagt sie. Deshalb singen sie nicht Rap oder Hip-Hop, sondern russische Lieder. Dem Jugendrichter ist der Parkplatz Netto-Markt als Tatort bekannt. Er sieht Andrej zusammen mit den Sergejs, den Dimitris, den Wladimirs auf dem leeren Areal sitzen. Der Mond scheint auf den schwarzen Asphalt. Eng hocken sie beieinander. Wenn du dich von deiner Gang entfernst, machen sie dich fertig, die von der anderen Gang. So soll das Gesetz der Straße lauten, behauptet die Fürsorg. In der Bundesrepublik gelten andere Gesetze, hält der Richter dagegen. Doch sie können das Gesetz der Straße nicht vergessen, sieht er allmählich ein. Russisch weht es schwermütig vor bis zur Ampel, wo es nach links abgeht zum Tatort Straßenstrich. Dann, im vorletzten Verfahren, tritt Andrej vor an die Richterbank. Reicht dem Vorsitzenden Kurz einen Zettel hoch, stolz und wortlos, als handle es sich um ein Diplom. Die Internistin Dr. Rasch, liest Kurz, sie substituiert ihn mit Methadon. Die unzähligen Whiskyflaschen, die Lederjacken in allen Größen, die Nobelhandys und all die Software - als Beschaffungskriminalität macht das Sinn. Er hat sich betäubt, mit Haschisch, Ecstasy, Kokain, am Ende mit Heroin. Weit weg wollte er sein von unserer Realität, begreift Kurz. Stellen Sie sich vor, in einem Hochhaus gehen mit einem Schlag alle Lichter an. So wirkt der Stoff im Gehirn des Süchtigen. Diesen Kick vermißt der Substituierte beim Methadon, schildert der Landgerichtsarzt. Doch schon nach ein paar Stunden läßt die Wirkung schlagartig nach. Alle Lichter erlöschen mit einem Mal. Nacht fällt über ihn herein, von einem Augenblick auf den anderen. Eine Nacht voller Angst, Panik und rasender Schmerzen. Die nächtlichen Lichter der Großstädte, die niemals ausgehen... An sie muß Kurz denken, während Dr. Kammer spricht. So geht es nicht mehr weiter in Deutschland", meint der Landschöffe, später in der Urteilsberatung. So geht es nicht mehr weiter mit Andrej, sagt sich Richter Kurz. Wir verurteilen ihn zu einer Jugendstrafe", schlägt er vor. Vor allem aber schicken wir ihn auf Entzug." Zuerst das Gefängnis, dann die Entziehungsanstalt", fordert der Schöffe. Wenn er den Entzug schafft, setze ich die Strafe zur Bewährung aus", sagt Richter Kurz. Am 14. Oktober verkündet er das Urteil. Als Kurz ihm die Rechtsmittelbelehrung überreicht, sagt Andrej: Ich küsse den Samt Ihrer Robe" - Andrej, der deutsch nicht spricht. Schon einen Tag später geht Andrej auf Entzug. Der 16. Oktober ist der Geburtstag von Kurz' Mutter. Mit einem Strauß Blumen fährt er ins Westend, in aller Herrgottsfrühe. Neben dem Mülltonnenhäuschen aus Beton steht der Hausmeister, ein paar Meter weiter eine Eiche. Sie haben Ihre Frau Mutter heute nacht in die Barmherzigen Brüder gebracht. Kreislaufversagen, Herr Rat." In den Baumstamm, sieht Kurz, ist eine Kerbe geschlagen, frisch, wie von einer Axt. Das helle Holz ist stellenweise rot gefärbt. Ein Paßfoto ist mit einem Reißnagel in die Wunde des Stammes geheftet. Kurz bückt sich und schaut in Andrejs Augen. Sie sind müde und ohne Erwartung. Hier war das Autorennen zu Ende. Die Polizei hat ihn gejagt", sagt der Hausmeister. Richter Kurz wendet sich von dem Foto ab, geht weg, den Blumenstrauß in der Hand. Beim Wagen angekommen, kehrt er um, geht zurück, legt die Blumen unter das Bild. Der Hausmeister schüttelt den Kopf. |