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Otto Schwerdt / Mascha Schwerdt-Schneller:
Als Gott und die Welt schliefen.
Vorwort Eberhard Dünninger,
1998, 7. Auflage 1999, 112 S., 10,20 Euro
ISBN 3-929517-27-2 |
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KURZTEXT
- Otto Schwerdt, geboren 1923 in Braunschweig, flieht 1936
mit seiner Familie nach Polen. 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau
deportiert, überlebt Otto Schwerdt zusammen mit seinem Vater
den Holocaust; seine Mutter, seine Schwester und sein Bruder
werden von den Nationalsozialisten ermordet.
- Seit 1954 lebt Schwerdt in Regensburg, er ist Vorstandsmitglied
der Jüdischen Gemeinde Regensburg und Landesausschußvorsitzender
der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. Vor ein paar Jahren
hat er begonnen, seine Leidensgeschichte zusammen mit seiner
jüngsten Tochter Mascha aufzuarbeiten. Die langen Gespräche
werden zur Grundlage des gemeinsam verfaßten Berichts.
LESEPROBEN
- Vorwort von Prof. Dr. Eberhard Dünninger
-
- Als die Nationalsozialisten im August 1943 Otto Schwerdt
mit seiner Familie nach Auschwitz deportierten, war ich gerade
neun Jahre alt. In jener Zeit trugen in meiner Heimatstadt so
manche unserer Nachbarn den gelben Stern. Als Kind nahm ich wahr,
daß diese Menschen den Stern tragen mußten, meine
Eltern und wir Kinder dagegen nicht. Die Räumung des jüdischen
Altersheimes in unserer Nachbarschaft und der gewaltsame Abtransport
alter Menschen gehören zu diesen frühen Eindrücken
von Unrecht, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Es waren
jene Jahre, in denen das Leben für Juden in Deutschland
immer schwerer wurde, auch für Otto Schwerdt und seine Familie
in Braunschweig. Erst viel später kam zu meinen eigenen
Kindheitseindrücken die Kenntnis der schrecklichen Verbrechen
dieser Zeit hinzu.
- Es gibt inzwischen viele Mahnmale für die Verfolgten
und Ermordeten, Zeichen der Erinnerung an den Holocaust in aller
Welt. Dies sind die Orte, von denen wir schweigsam, aber auch
betroffen und verändert zurückkehren. Auch die Aufzeichnungen
von Otto Schwerdt lassen uns verstummen. Sein Bericht ist ebenfalls
ein Mahnzeichen, ein ,,Feld der Erinnerung", auf das er
uns mit einer beeindruckenden seelischen Kraft führt. Wer
die Maßlosigkeit der Tat, der Untaten, die von den Deutschen
begangen wurden, auch nur erahnen will, ohne sie je begreifen
zu können, muß immer wieder einen Weg zu solcher Einsicht,
zu Gedenken und Sühne versuchen.
- Wer von uns möchte ermessen, wie viel seelische Kraft
es braucht, um als Opfer an die Orte des Grauens zurückzukehren,
wie viel Mut und Tapferkeit, um als Opfer über das unermeßliche
Leiden und das mörderische Handeln der Täter zu sprechen,
zu schreiben. Auch Otto Schwerdt fällt dies nicht leicht,
und doch hat er es getan. Bei Lesungen aus seinen Aufzeichnungen
teilen sich seine eigene Bewegung und Erschütterung allen
Zuhörern mit und prägen sich ebenso unvergeßlich
ein wie sein Bericht über seine Leidenszeit.
- Sein Buch wird dies in gleicher Weise tun. Auch im gedruckten
Wort ist es mehr als ein erschütternder Leidensbericht.
Es ist das Lebens- und Überlebenszeugnis eines Zeitgenossen,
der die Tragödie des jüdischen Volkes und unseres Jahrhunderts
auf schreckliche Weise erlitten hat. Es ist ein Buch von eindrucksvoller
Darstellungskraft, von überzeugender Wirkung auf den Leser
und von hohem Aussagewert als historische Quelle. Es ist ein
Dokument nicht nur unsäglicher, unmenschlicher Grausamkeit.
Das Buch zeigt, wie ein Mensch in diesen extremen Situationen,
in denen keine Regeln menschlichen Zusammenlebens mehr gelten,
einen Weg findet, sich zu behaupten. Menschen wie Otto Schwerdt
helfen uns und künftigen Generationen mit dem Erzählen
ihres Schicksals. Sie lassen uns mitfühlen, was diesen Menschen
widerfahren ist.
- Für immer _ aere perennius _ werden in den Seiten seines
Buches Schrecken und Entsetzen gegenwärtig
sein, aber auch menschliche Willensstärke und Tapferkeit.
So sollte es uns auch auf eine bessere Zukunft einer humanen
Gesellschaft hoffen lassen.
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- Otto Schwerdt/ Mascha Schwerdt-Schneller: Wieder im Ghetto
(S.39-45)
-
- Ich war froh, wieder im Ghetto bei meiner Familie zu sein.
Meine Mutter hatte sich in den vier Monaten verändert. Sie
war alt und traurig geworden. Die Sorgen, die sie sich machte,
als mein Vater im Zwangsarbeitslager war, und jetzt das Bangen
um mich, das alles spiegelte sich in ihrem Gesicht. Als wir uns
sahen, fielen wir uns wortlos in die Arme und weinten. Wir weinten
alle, mein Vater, meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder
und ich.
- Das Ghetto erschien mir nach der Zeit im Zwangsarbeitslager
wie ein kleines Paradies. Es war ein Nachhausekommen. An das
normale Leben draußen, als freier Bürger mit allen
Rechten, dachte ich nicht mehr.
- Die jüdische Bauunternehmung, die uns angefordert hatte,
war dem Judenrat unterstellt, der wiederum den Anweisungen der
Deutschen folgte. Wenn man jüdische Bauunternehmung"
hört, glaubt man, dieses Unternehmen würde nur im Ghetto
Bauarbeiten ausführen. Doch nur die Arbeitskräfte waren
jüdisch. Juden waren die billigsten Arbeitskräfte,
nur das allein zählte. So gut wie alle Arbeiten fanden außerhalb
des Ghettos statt. Wir renovierten Häuser und bauten für
die Deutschen kleine Produktionsanlagen. Im Ghetto selbst wurde
nahezu nichts erneuert. Den Nazis war es egal, unter welchen
Bedingungen wir lebten. Es lag an den Bewohnern selbst, dies
oder jenes auszubessern. Doch meist scheiterten die Vorhaben
am fehlenden Baumaterial. Man konnte nur verwenden, was man an
oder in irgendeinem anderen Haus klaute oder was die Bauunternehmung
von den Baustellen draußen organisierte. Tag für Tag
verließen wir also das Ghetto, um außerhalb Bauarbeiten
und Ausbesserungen durchzuführen.
- Irgendwann, ich glaube es war Anfang 1943, schickten sie
uns täglich nach Srodula. Srodula war ein kleiner Vorort
von Sosnowitz, der direkt an die Stadt grenzte. An einem Hügel
standen kleine verlassene Häuser, die wir, so gut es ging,
restaurierten. Um das ganze Gebiet verlief ein hoher Zaun. Wir
bauten also ein weiteres Ghetto. Das von Sosnowitz reichte nicht
mehr aus. Die Deutschen erweiterten es um Srodula. Das neue Ghetto
wurde Neu-Srodula genannt. Die Nazis wollten hier die Juden aus
den Ghettos der Umgebung zusammenlegen und später deportieren.
Im Ghetto Dombrowa fingen sie damit an, zuerst alte Menschen
umzusiedeln". Sie wurden nach Auschwitz deportiert.
Es begann ein Kampf um Arbeitsbescheinigungen. Wenn man einen
Nachweis hatte, daß man in irgendeinem Unternehmen außerhalb
arbeitete oder in einem Ghettobetrieb, der für die Wehrmacht
produzierte, wurde man verschont. Vorerst.
- Eines Tages tauchte ein Mann auf. Er war Jude. Er behauptete,
aus dem Vernichtungslager Treblinka geflüchtet zu sein.
Von ihm hörten wir zum erstenmal, daß die Nazis Juden
und andere, die ihnen nicht paßten, vergasten. Ich konnte
das nicht glauben.
- Man kann so etwas nicht glauben. Den Gedanken, daß
wir alle vernichtet werden sollten, konnte ich nicht ertragen.
Mein Gehirn weigerte sich, allein die Worte zu denken, die
Juden werden vergast". Meine Familie, meine Freunde, all
die Juden, die ich kenne, wollen die Deutschen umbringen! Und
mich.
- Nach ein paar Tagen war der Mann verschwunden. Ich erfuhr,
daß er mitten auf der Straße von einem volksdeutschen
Polizisten erschossen wurde.
-
- Es war im Mai 1943, als das Ghetto Dombrowa vollkommen aufgelöst
wurde. Bis zuletzt arbeitete ich bei der jüdischen Bauunternehmung.
Dann hieß es, daß sich alle Juden aus Dombrowa sammeln
müßten. Die Hetze nahm kein Ende.
- Stark bewacht brachten sie uns zuerst nach Sosnowitz. Von
dort kam ein Teil nach Neu-Srodula, die übrigen ins Ghetto
von Bedzin. Uns schickte man in das von uns gebaute Ghetto Neu-Srodula.
Oft dachte ich, wie erniedrigend es ist, daß die Opfer
ihr eigenes Gefängnis bauen. Während der ganzen Zeit
des Bauens versuchte ich, diese Gedanken zu verdrängen.
Auch das Wissen, nichts gegen die Nazis tun zu können, sich
nicht wehren zu können, machte mich mal rasend vor Wut,
mal ganz klein und resigniert.
- Der Judenrat teilte uns ein Zimmer zu. Lebensmittel bekamen
wir nur auf Bezugsschein. Srodula wurde meist von volksdeutschen
Polizisten bewacht. Verlassen konnte man das Ghetto nur mit einer
Sondergenehmigung. Es dauerte nicht lange, und die Nazis führten
in Srodula Razzien durch. Erst etwa alle zwei Wochen, dann wurden
die Abstände immer kürzer. Die Juden wurden auf die
Straße befohlen. Dann selektierten SS-Männer die Menschen.
Bei solch einer Selektion teilten sie die Menschen in vier Gruppen
ein: erstens diejenigen, die bleiben durften, da sie in kriegswichtigen
Fabriken arbeiteten; dann die Gruppe, die für verschiedene
Zwangsarbeitslager in Deutschland ausgewählt wurde; drittens
diejenigen, die ins Vernichtungslager Auschwitz geschickt wurden
und schließlich welche, die weiterhin im Ghetto bleiben
durften. Warum sie dies durften, wußte keiner.
- Die Menschen im Ghetto bauten sich kleine Bunker in ihren
Kellern, damit sie sich bei der nächsten Razzia verstecken
konnten. Sie teilten die Keller und zogen eine Zwischenwand ein,
hinter der man sich verbergen konnte. Doch die Chance, unentdeckt
zu bleiben, war winzig klein.
- Am Sonntag, den 1. August 1943 begannen die Deutschen mit
der vollkommenen Auflösung des Ghettos Srodula. Sie hatten
zuvor nie einen Sonntag für eine Razzia ausgewählt.
Um Mitternacht umstellten die SS, die Wehrmacht und die volksdeutsche
Polizei das Ghetto. Mit Lautsprechern gingen sie durch die Straßen
und brüllten: Alle Juden raus!" Zwischendurch
hörten wir Schüsse, explodierende Handgranaten und
Schreie. Sie und leider auch die jüdische Polizei trieben
die Menschen aus ihren Wohnungen auf einen Sammelplatz.
- Wir alle haben furchtbare Angst. Es geht alles durcheinander.
Keiner von uns kann einen klaren Gedanken fassen. Wir müssen
raus, sonst kommen sie ins Zimmer und erschießen uns!",
schreit mein Vater.
- Wo sind die Koffer? Meine Mutter hatte für jeden von
uns einen kleinen Koffer mit dem Allernötigsten griffbereit.
Jeder zieht schnell noch eine Jacke über und greift nach
seinem Koffer. Es geht so schnell. Ich spüre meinen Puls
ganz oben am Hals, kräftig und laut. Von den anderen Zimmern
im Haus höre ich aufgeregtes Reden, Schreien und Weinen.
Unsere Nachbarn laufen nach unten. Mein Vater und meine Mutter
umarmen sich wortlos. Dann dreht sich meine Mutter zu Meta, Sigi
und mir und umarmt uns. Wir können kein Wort sagen.
- Schnell", ruft mein Vater, runter".
Wir hasten die Treppe hinunter, mit unserem kleinen Koffer in
der Hand, durch die Haustür und bleiben vor dem Haus stehen.
Plötzlich ist keine Hektik mehr unter uns, nur noch unvorstellbare,
grausame Angst.
- Wir selbst können nichts mehr tun. Wir können nur
warten, was sie mit uns tun werden. Wir sehen Menschen auf uns
zukommen. In der Mitte die Zusammengetriebenen, links und rechts
die Bewacher mit ihren Waffen. Dazwischen laufen Kinder ziellos
hin und her. Sie weinen und suchen nach ihren Eltern. Viele dieser
Kinder sterben in dieser Nacht.
- Hinter den Gefangenen ist noch ein Trupp, der die schon verlassenen
Häuser durchsucht. Wieder Schüsse, Weinen und Gebrüll.
Zwei Häuser weiter haben sich einige Menschen versteckt,
sie werden entdeckt.
- Jetzt kommt unser Haus dran. Wir stehen immer noch vor unserem
Haus. Ich sehe meinen Vater an und frage: Soll ich abhauen,
wenn ich kann?"
- Junge, ich kann Dir nicht helfen. Wenn Du eine Chance
siehst, mußt Du selbst entscheiden", antwortet er
mir, dreht sich zu meiner Mutter und nimmt ihre Hand. Meine Eltern,
Sigi und Meta gehen vor zur Straße in die Reihe der Gefangenen.
Ich bleibe ein Stück hinter ihnen. Die Männer des Durchsuchungstrupps
gehen zu den anderen Bewachern hinüber. Für einen Augenblick
drehen sie uns den Rücken zu und sprechen miteinander.
- Das Haus, aus dem sie kamen, hat doch noch einen Seiteneingang,
schießt es durch meinen Kopf. Ohne weiter nachzudenken,
laufe ich los. Geduckt. Ich muß in den Seiteneingang dieses
Hauses rein. Ich renne und denke: Gleich spüre ich
die Schüsse in meinem Rücken oder in meinem Kopf."
Doch ich laufe einfach gebückt weiter, ohne mich umzudrehen.
Meine Bewegungen kommen mir extrem langsam vor. Es ist, als wäre
Watte um mich, die alles dämpft.
- Warum spüre ich die Schüsse nicht?"
Es scheint ewig zu dauern, bis ich den Seiteneingang des Hauses
erreiche.
- Ich bin drin. Leise laufe ich die Treppen hoch bis zum Dachboden
und verkrieche mich in einer Ecke. Nach einer Weile wird das
Gebrüll der SS und das Schreien und Weinen der Opfer immer
leiser. Dann ist es still. Das Haus ist schon durchsucht worden.
Außer mir ist keiner mehr hier. Vielleicht schaffe ich
es. Ich denke an meine Familie. Wie konnte ich wissen, daß
ich meine Mutter und meine Schwester in dieser Nacht das letzte
Mal gesehen hatte?
- Ich verbringe die ganze Nacht auf dem Dachboden. Bei jedem
Geräusch zucke ich zusammen und versuche herauszuhören,
was es ist. Ich höre leise Stimmen. Unter mir in der Wohnung
ist doch noch jemand.
- Ich fühle mich wie ein gejagtes Tier. Die Anspannung
und die Angst lassen meinen Körper erstarren. Ich kann keine
klaren Gedanken fassen. Nichts Geordnetes. Alles ist durcheinander.
Ich frage mich, ob ich meine Familie je wieder finden kann, ob
ich hier entdeckt werde ? Und wenn ich nicht entdeckt werde?
Wie soll ich hier überleben? Werde ich überhaupt weiterleben?
Nur noch Fragen, auf die ich keine Antwort finde.
- In dieser Nacht fühle ich mich so verlassen wie noch
nie in meinem Leben. In dieser Nacht wünsche ich mir zum
ersten Mal, tot zu sein. Nichts mehr hören müssen,
keine Schreie, kein Gebrüll. Kein Bangen mehr um meine Familie,
keine Angst mehr vor Schmerzen, keine Angst vor dem Tod. Nichts
mehr spüren. Der Tod würde alles lösen.
- Gegen Morgen wecken mich die Stimmen der SS. Sie reißen
mich aus meinem Todestraum. Ich bin wieder bei mir. Ich habe
es doch nicht getan, geht es durch meinen Kopf.
- Die SS durchsucht nochmal die Häuser. Im Stockwerk unter
mir beginnen Kinder leise zu weinen. Meine Gedanken werden wieder
klarer, und ich beginne den Überlebenskampf von neuem, obwohl
ich mir noch vor wenigen Stunden nichts mehr wünschte als
den Tod.
- Ich weiß, daß ich keine Chance habe, unentdeckt
zu bleiben und komme vom Dachboden herunter. Ich gehe in die
Wohnung, aus der ich die Stimmen hörte. Es ist eine Familie
mit zwei kleinen Kindern, die sich über Nacht versteckt
hatten. Wir hören Stimmen. Die Nazis kommen wieder. Wir
sind ganz still. Selbst die kleinen Kinder hören auf zu
weinen. Zwei bewaffnete SS-Männer gehen durch die Wohnungstür
und bleiben vor uns stehen. Auch sie sind ganz still. Sie machen
eine Vorwärtsbewegung mit dem Gewehr, die uns zu verstehen
gibt: Kommt jetzt!" Einen Moment denke ich, wir tun
ihnen leid.
- Sie führen uns auf einen Platz, auf dem schon etwa 100
Gefangene stehen. Ich sehe einen älteren Mann tot in seiner
Blutlache liegen. Er hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten.
Ein SS-Mann will sich vergewissern, daß er wirklich tot
ist und stochert mit seinem Gewehr an ihm herum. Dieser tote
Jude hatte denselben Traum wie ich. Er träumte ihn zu Ende.
- Unter den Häftlingen erblicke ich Herrn Berliner, seine
Frau und seinen zehnjährigen blonden Sohn.
-
- Man brachte uns alle nach Bedzin. Wir wurden in einen größeren
Raum geführt, in dem schon einige Menschen auf dem Boden
saßen. Hier traf ich meinen Freund Schlamek Metz, den ich
in der zionistischen Organisation in Dombrowa kennengelernt hatte.
Auch der Junge Miodownik und das Mädchen Rushka, beides
Freunde aus dem Ghetto, waren hier. Meine Freunde wiederzusehen,
obwohl ihre Lage genau wie meine hoffnungslos war, erleichterte
mich im Moment. Ich fühlte mich sicherer.
- In dem Raum saß ein Ehepaar, das sich eng umarmte.
Der Mann weinte schrecklich. Um ihn zu beruhigen, gingen wir
zu ihm hinüber. Er erzählte uns, warum er so verzweifelt
war: Er, seine Frau und sein kleiner Sohn versteckten sich im
selbstgebauten Bunker im Keller. Der kleine Säugling weinte
gerade, als sie die Stimmen und Schritte der SS-Leute näher
kommen hörten. Das Kind ließ sich nicht beruhigen.
Um nicht entdeckt zu werden, hielt der Vater ihm die Hand vor
den Mund. Sein kleiner Sohn ist erstickt, ohne daß er es
merkte. Der Mann stammelte nun immerzu vor sich hin: Ich
habe mein eigenes Kind umgebracht!". Es war schrecklich
für mich, diesem verzweifelten Mann, der sein Kind über
alles geliebt hatte und nichts Böses wollte, der nur mit
seiner Familie in Frieden leben wollte, nicht helfen zu können.
Meine Freunde und ich wollten ihn trösten und sagten ihm,
daß die Deutschen den Kleinen umgebracht hätten und
ihm so viel Leid von den Schändern und Mördern erspart
geblieben wäre. Wir fühlten, daß dies ein schlechter
Trost war, doch wir waren hilflos. Der Mann hörte nicht
mehr auf zu weinen.
- Zusammen mit etwa 150 anderen Menschen verbrachte ich die
Nacht in dem Raum. Am Morgen trieb uns die SS auf die Straße.Wir
mußten einige Zeit gehen und kamen an ein Gleis. Hier standen
Güterwaggons. Wir wurden in einen Waggon hineingestopft.
- Ich kann mich nicht mehr bewegen. Der Junge Miodownik erhascht
einen Platz an der Luke. So kann er hinausschauen und bekommt
mehr Luft. Plötzlich dreht er sich um und schreit: Paßt
auf!" Fast im gleichen Moment höre ich den Schuß.
Miodowniks Kopf ist blutüberströmt. Er ist sofort tot.
Ich bin wie versteinert. Ich begreife gar nicht so schnell, was
geschehen ist. Alle im Waggon haben einen Schock.
- Miodownik fiel nicht um, er hing leblos und blutverschmiert
zwischen den anderen. Miodownik, der Junge aus dem Ghetto Dombrowa,
war 16 Jahre alt, als er ermordet wurde.
- Wir hörten, wie die anderen Waggons mit Menschen beladen
wurden. Dann fuhr der Zug los. Ich weiß nicht mehr, wie
lange es dauerte, bis er sein Ziel erreicht hatte. Auschwitz-Birkenau.
PRESSESTIMMEN
- "Otto Schwerdt hat sich mit Hilfe seiner Tochter
schreibend der quälenden Erinnerung an die Zeit im KZ gestellt"
(Rolf Thym, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 9.11.1998)
-
- "Mit Hilfe seiner Tochter Mascha hat er jetzt zu
Papier gebracht, was sich eigentlich kaum in Worte fassen läßt."
(Günter Schießl, MITTELBAYERISCHE ZEITUNG, 19.5.1998)
-
- "Otto Schwerdt, der Braunschweiger Kaufmannssohn,
den Ghetto, Arbeitslager und KZ seine Seele nicht rauben konnten,
er, der geachtete Regensburger Bürger, zeigt uns in seinem
Buch die bittere Nachtseite seines Lebens. Wir verstehen, wir
achten sein unermüdliches Bemühen um Verständigung
tiefer als zuvor. Otto Schwerdt, der Mitbürger, hat ein
ungehuer wichtiges Buch geschrieben, ein erschreckendes Buch,
aber auch ein Buch von tiefer Menschlichkeit. Dieses Buch muß
in die Schulen, muß gelesen, muß besprochen werden.
Dieses Buch ist die beste Medizin gegen Neonazismus und wieder
blöd hinausgegrölten Rassismus." (Harald Raab,
DIE WOCHE REGENSBURG, 14.5. 1998)
-
- "Mit großer seelischer Kraft und Aufrichtigkeit
hat er seinen Bericht verfaßt. Er verurteilt nicht, er
führt den Leser in Extremsituationen. Er liefert wie viele
seiner überlebenden Leidensgefährten ein unverzichtbares
historisches Dokument." (Stefan Rammer, PASSAUER NEUE
PRESSE, 7.5.1998)
-
- "Und so liegt nun, nach über fünfzig Jahren,
der Bericht 'Als Gott und die Welt schliefen' vor, der allerdings
auch nach so langer Zeit von einer Unmittelbarkeit ist, die ihn
zu einem erschütternden Zeitdokument macht." (Bernhard
Setzwein, BAYERISCHE STAATSZEITUNG, Beilage 'Unser Bayern' Juni
1998)
-
- "Es ist keine Anklage. Aber beim Lesen entgeht man
nicht der Erschütterung, dem Entsetzen, der Hilflosigkeit
und Scham. In dem Grauen gab es zuweilen unerklärliche,
Hoffnung gebende Augenblicke. ... Es ist nicht zu ermessen wieviel
seelische Kraft notwendig war, dieses 'Feld der Erinnerung' zu
bestellen, wieviel Liebe auch zum Leben." (Inge Obermayer,
NÜRNBERGER ZEITUNG, 12.9.1998)
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