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Karl Krieg / Herbert Pöhnl / Bernhard Setzwein,
HinterBayern.
Fotos: Herbert Pöhnl, Texte: Karl Krieg und Bernhard Setzwein, Fotoband mit 41 S/W-Fotos, 96 S., Format 29 x 23,5 cm, fester Einband, Fadenheftung, 1996, 20,40 Euro
ISBN 3-929517-11-6
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Sie suchen Hinterbayern vergebens auf der Karte und finden es doch überall. Der Fotograf Herbert Pöhnl und die Autoren Karl Krieg und Bernhard Setzwein zeigen uns in dem Band "Hinterbayern" ein Stück Bayern, nicht das, welches uns im hundertsten Prachtband entgegenstrahlt. Gibt es neben Ober- und Niederbayern auch ein Hinterbayern? Hat Bayern eine Hinteransicht? Was steckt hinter dem weißblauen, jodelnd-schenkelklopfenden Klischee?

Herbert Pöhnl (Viechtach), der zu den bekanntesten Landschaftsfotografen Ostbayerns zählt, veröffentlicht in dem Band eine Auswahl seiner besten Bayerwald-Fotos: von meditativ-melancholischen Bildern bis hintergründigen, satirischen Fotos. Pöhnl dokumentiert mit seinen "oft fast schmerzhaft,schönen Fotografien" (Bayerische Staatszeitung) den Zustand und die Veränderungen einer Landschaft, er kann sowohl die Schönheiten als auch die Zerstörung der Landschaft zeigen, das Nebeneinander von Alt und Neu einfangen.

Die Gedichte und Kurzprosa der beiden Autoren Karl Krieg (Passau) und Bernhard Setzwein (Waldmünchen / München) spannen einen Bogen von leiser Poesie zu deftiger Auseinandersetzung mit den Hinter- und Vorderansichten Bayerns. Literatur ist in diesem Band kein Begleittext und Beiwerk zu den Fotos, die Texte haben ihre Eigenständigkeit - also ein gleichgewichtig literarischer wie fotografischer Blick auf Bayern, die Provinz, das Hinterland.
 
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TEXT-INHALTSVERZEICHNIS
Bernhard Setzwein
Sitzen wir wie der Kater
Lieb ich diese Landschaft
Ist der Winter wirklich ein Leichentuch
Treibt es jung aus den Blattknospen der Buchen
Schreiben wir letzte Botschaften
 
Karl Krieg
Schlucken, aber nicht verdauen
Daheim
Die Bauerngeschichte ist nicht schnell erzählt
Einkehr beim Wolpertinger
Der Ruf nach der Heimat
Der Böhmische Wind
An der schönen blauen Donau
Voll Mond
Auf meiner Kachelofenbank
 
Bernhard Setzwein
Haben wir Brot gebacken
Haben wir das Obst gebrannt
Karg
Schneidet uns wer zurück
 
Karl Krieg
Vom Reden und Staunen über Heimat
Das Fleisch
Das Erwachen der Kleinstadt
Jolanthe ist eine Muttersau
 
Bernhard Setzwein
Letzte Meldungen aus Beutlschnaiting (I)
Letzte Meldungen aus Beutlschnaiting (II)
Liegt hinter Bayern auch eine Welt
Hat Bayern eine Hinteransicht
Letzte Meldungen aus Beutlschnaiting (III)
Letzte Meldungen aus Beutlschnaiting (IV)
 
Karl Krieg
Und dann ist die Nacht wieder hereingebrochen über Hinterbayern
Das Tal hinauf
Die Orgelpfeifen gaben ihr Letztes
Abendsonne im Rückspiegel
Das herrliche Geräusch der Mondnacht
Hoamadl
 
Bernhard Setzwein
Haben wir das Bier getrunken
Sagenhaftes Hinterbayern
Immer sonntags
motive für ansichtskarten
Auf wieder sehen wir uns


 
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Bernhard Setzwein
 
Sitzen wir wie der Kater
vorm hintersten Loch in Bayern
 
und lauern ob eine kleine
graue Idylle herausspitzt und
 
wenn dann das Schwanzerl davon
herausschaut schnappen wir dann zu oder
 
entkommt uns die Heimat
noch einmal ins Loch
 
 
Lieb ich diese Landschaft so weil sie sich
mir anschmiegt mit ihren Hügelhüftschwüngen oder
 
liebt diese Landschaft mich weil ich ihr
nie zu nahe trete sie immer nur anschaue
 
beruht unsere Scheu auf Gegenseitigkeit oder
läuft der Feldhase immer nur vor mir davon schaut mich
 
dies Land verliebt aus grünen Karpfenteichen an oder
seh ich den Ackerrain mit den Augen der Wühlmaus
 
 
Ist der Winter wirklich ein Leichentuch und
die Landschaft unterm Schnee schon tot oder
 
sitz ich leichenstarr vor einem großen weißen
Blatt Natur und weiß nicht wie aufblühen
 
stehen die Wörter zusammengefaltet
in den kleinen Knospen am Zweig und
 
liegen die Sätze keimbereit im Boden
warten auf einen plötzlichen Frühlingseinfall
 
um dann die Sonnenseite vollzuschreiben
mit einem unerhört grünen Gedicht
 
 
Bernhard Setzwein: Letzte Meldungen aus Beutlschnaiting (IV)
 
Wie gestern nachmittag bekannt wurde, sind im Landkreis Beutlschnaiting erneut Fälle von Balkonwahnsinn aufgetreten. In einem Neubaugebiet nahe der Ortschaft Zvuiham wurden über Nacht gleich mehrere Einfamilienhäuser von der gefürchteten Krankheit befallen. Am Morgen zeigten sich die verseuchten Häuserfassaden von geschwür- und beulenartigen Holzwucherungen entstellt. In einigen besonders besorgniserregenden Fällen wiesen die klarlackglänzenden Metastasen reliefartige Oberflächen auf, die sich bei genauerer Untersuchung als Darstellungen pflügender Ochsengespanne oder röhrender Hirsche herausstellten.
Die Bewohner der vom Balkonwahnsinn betroffenen Häuser liegen seit dem frühen Morgen mit konvulsivischen Zuckungen in ihren Vorgärten und geben unablässig jodlerähnliche Schmerzensschreie von sich. Die Ortsfeuerwehren der Umgebung sind alarmiert.
Wie das Gesundheitsamt des Landkreises mitteilte, wird man nicht umhinkommen, alle Balkone im weiten Umkreis von Zvuiham von den Häuserfassaden zu reißen und notzuschlachten. Andernfalls drohe ein Überspringen der heimtückischen Krankheit auf Garagenvordächer und Gartenhäuschen.
 
Karl Krieg: Schlucken, aber nicht verdauen
 
kannst du die Heimattrümmer. Kaum meinst du, du hast Bayern hinter dir, steigt ein Batzen in dir hoch, nimmt dir die Luft, plagt dich beim Atmen, verrät dich durch rasselnde Geräusche. Abhusten geht nicht. Immer wieder bleibt der Heimatbatzen in der Gurgel hängen, als wäre er festgebunden. „Schwoam man owe!" Auch das Runterspülen funktioniert nicht, Maß für Maß pfeift dir der Batzen Hohn, meldet sich wie frischgewaschen zu Wort. Auch der Schnaps ätzt ihn nur an. Beide angeschlagen, trinkt ihr auf Du und Versöhnung. Der Heimatbatzen gibt dir eine Chance, läßt dich kurz und frisch durchatmen, blockiert dich im nächsten Moment.
Du weißt, wo der Stärkere sitzt. Beteuerst, daß du weder Bayern noch die Heimat hinter dir haben wolltest. Rauhreifgeschwätz, Promillegeplapper. Erzählst, was du an der Heimat liebst, was dich hält, was dich herzieht. Das Atmen wird leichter, du beginnst zu schwelgen, um Luft zu machen. Du singst Hymnen aus befreiter Kehle. Und überhaupt Bayern, kein Begriff zum Verhandeln. Tote Buchstabenmasse, wenns um Heimat geht. „Wir in Bayern", ein Blödsinnsgeplärre, eine Vögelverscheuch-Parole. „Mia san mia", ein einfältiger Bierzeltfurz. Der Batzen kommt wieder. Ein schöner Trottel, du fährst fort zu loben, die Heimat, nicht Bayern! Der Batzen rotiert, du konterst mit Schweigen.
Du hast Bayern hinter dir, dir gehts um die Orte, die Blicke, das Schöne und die Verwüstung. Der Anwalt von Bayern, der Anwalt von Heimat, sie sind nicht identisch. Der Batzen der Heimat läßt dich jetzt in Ruhe, der Batzen von Bayern drückt dir auf die Stimme.


 
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Karl Krieg, Herbert Pöhnl und Bernhard Setzwein "schauen in den bayerischen Abgrund und ziehen ihm ohne Pathos die weißblaue Tarndecke weg. Mit Schwarz-Weiß-Fotos, Prosa und Gedichten, mit zorniger aber auch traurig-schöner Poesie geben sie einen wunderbar beunruhigenden Blick ins bayerische Unterbewußtsein frei." (Harald Grill, BAYERISCHER RUNDFUNK/HÖRFUNK, 22.6.1996)
 
"Ein stilles, fast melancholisch anmutendes Buch, das seine besondere Ausstrahlung vor allem den exzellenten Schwarzweißbildern von Herbert Pöhnl verdankt." (DIE ZEIT, 25.10.1996)
 
"Der Band zeigt reizvolle Natur, aber auch wie diese ihre Reize durch den Einfluß von Menschen verliert." (BERLINER ZEITUNG, 6./7. 7.1996)
 
"Mit satirischem Ingrimm und galliger Poesie wehren sich die Autoren Krieg und Bernhard Setzwein und der Fotograf Herbert Pöhnl gegen das Ansinnen, das Unverdaubare zu schlucken. Gnadenlos nüchtern konfrontieren Pöhnls Aufnahmen mit der Verödung der Landschaft; in bitterkargen, manchmal surreal grellen Wortbildern würgen Krieg und Setzwein in ihren Gedichten und Prosastücken an der ohnmächtigen Verzweiflung über die Zerstörung und Entwirklichung der Heimat." (Hans Krieger, BAYERISCHE STAATSZEITUNG, 20. 9. 1996)
 
"...da ist eine Schneise wie eine Wunde durch den Wald geschlagen" (BADISCHE ZEITUNG, 15.10.1996)
 
"Sie führen nicht das bekannte gelackte Touristenbayern vor, sondern in eine herbe, stille Landschaft nahe der böhmischen Grenze, wo man sich gegen das Eindringen des Ober-Paradebayerischen wehrt und ihm gleichzeitig erliegt. ... Viele der Bilder und Texte vertreiben jede aufkommende Idylle ganz bewußt _ und das muß gelegentlich recht sarkastisch geschehen." (BAYERISCHES FERNSEHEN, Bücher-Tele-Gramme, 28.7.1996)
 
"HinterBayern' ist die Antwort auf alle Heimatbücher, die so tun, als wär die Welt ein Idyll." (R. Sziegoleit, FRANKENPOST, 3.9.1996)