Herbert Pöhnl / Bernhard Setzwein, Heimat. Bitte lächeln. Herbert Pöhnl / Bernhard Setzwein,
Heimat. Bitte lächeln.

Fotografien: Herbert Pöhnl, Texte: Bernhard Setzwein,
Fotokatalog, 80 Farb- und Schwarzweißabb., 96 S., DINA4-Format, Broschur, 15,-- Euro.
ISBN3-929517-69-8
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KURZTEXT
 
Der Fotokatalog gibt einen Überblick über die Fotokunst Herbert Pöhnls, er knüpft an den schon legendären Fotoband HinterBayern (1996) an, der damals diesen neuen Begriff, der heute in Sendungen und Texten mehr und mehr auftaucht, erst geprägt hat. Bernhard Setzwein hat wieder einige Texte für das Buch geschrieben.
„Heimat, bitte lächeln, das heißt bei Herbert Pöhnl gerade nicht, die Heimat möge sich doch für den Herrn Fotografen in Stellung bringen, möglichst vorteilhaft in Pose werfen. Nein, es ist vielmehr die Aufforderung: Heimat, geh, jetzt lächel halt ein bisserl, auch wenn du dich ertappt fühlst auf den Fotografien, die dir der Herbert Pöhnl vorhält." (Bernhard Setzwein)
 
FOTOGRAF / AUTOR
 
Herbert Pöhnl, geboren 1948 in Furth im Wald, seit 1976 zahlreiche Ausstellungen, Illustrationen, Veröffentlichungen, u.a. 1996 HinterBayern, Fotoband mit Texten von Bernhard Setzwein und Karl Krieg. Mitarbeiter der ostbayerischen Magazins lichtung und des lichtung verlags. Seit 2000 Auftritte mit dem Programm Wo bitte liegt HinterBayern? (Lesung, Musik, Bilder). Lebt in Viechtach.
 
Bernhard Setzwein, geboren 1960 in München, lebt an der bayerisch-böhmischen Grenze. Autor von Lyrikbänden, Romanen, Theaterstücken sowie feuilletonistischer Reiseliteratur. Im lichtung verlag erschienen HinterBayern (zusammen mit Herbert Pöhnl und Karl Krieg), die Theaterstücke Zucker. Ein Stück und Watten Wagner Wichs sowie die Essaysammlung Ein Fahneneid aufs Niemandsland, ferner Beiträge in den Reise-Lesebüchern Bayerischer Wald, Oberpfalz, München, Böhmerwald.
 
LESEPROBE
 
Ein Sammler von Phänomenen
Zu Herbert Pöhnls Fotokunst
 
Heimat, bitte lächeln, das heißt bei Herbert Pöhnl gerade nicht, die Heimat möge sich doch für den Herrn Fotografen in Stellung bringen, möglichst vorteilhaft in Pose werfen. Nein, es ist vielmehr die Aufforderung: Heimat, geh, jetzt lächel halt ein bisserl, auch wenn du dich ertappt fühlst auf den Fotografien, die dir der Herbert Pöhnl vorhält. Und es funktioniert wirklich. Ich habe es erlebt auf Ausstellungen des Fotografen, daß die Zuschauer irgendwann einfach nicht mehr anders konnten und das Lachen aus ihnen heraus mußte. Es suchte sich seinen Weg, vielleicht durch die Nase, irgendwie verdruckst, aber raus mußte es. Weil es auch zu komisch war, wie da furchtbar penibel herausgeputzte Trachtler sich an einem Steh-Imbiß über Pappteller beugten, im Hintergrund unübersehbar groß die Aufschrift „Pizza-Stand". Oder auch diese Erscheinung, diese regelrecht fatamorganische Erscheinung eines Pferdefuhrwerks mitten auf der breit ausgebauten Schnellstraße.
All die Motive, die die Heimat lächeln machen, lächeln über sich selber, die muß Herbert Pöhnl gar nicht lange suchen. Anders als die Macher der gängigen Fotobände über Ostbayern. Die verzweifeln ja schier, wo man noch ein Landschaftspanorama finden könne, das von keiner Überlandleitung und von keinen Betonstelzen irgendeiner Schnellstraße durchschnitten ist. Wo gibt es noch einen Schnupftabak schnupfende Holzhauer, der bestimmt auch kein T-Shirt mit Werbeaufdruck anhat, wo den Kleinbauern, der sein Feld noch mit einem Roß umackert? Das sind doch alles gesuchte Motive, wahrscheinlich ewig lang gesuchte. Die Fotografen solcher Motive werden sich schon gegenseitig zustecken: Du, ich hab wieder einen entdeckt, einen fingerhakelnden, Maibaum aufstellenden, Bärwurz in einen blauen Himmel haltenden, vor einem uralten Holzbauernhaus, garantiert ohne Satellitenschüssel, Positur einnehmenden Bayerwaldler!
Anders, wie gesagt, bei Herbert Pöhnl. Ihm fallen die Motive regelrecht zu. In einer Tour und überall. Er zeigt auf seinen Bildern nicht, was er mühsam suchen müßte, sondern was ihm unerwartet, plötzlich, jäh vor das Kameraauge gerät. Zum Beispiel ein schmiedeeisernes Hinweisschild „Bergwald" vor einer supergreislichen Schnellstraße, im Hintergrund ein noch furchtbarerer Betonklotz, von einem Berg, geschweige denn Wald, weit und breit nichts zu sehen. Oder: Eine superschöne, frisch verputzte, neu geweißelte Großraumgarage, auf die Fassade ist ein Pferdegespann hingepinselt, aus dem Garagentor aber schaut die Motorhaube eines Bulldogs heraus. Ein herrliches Bild! Das 21. Jahrhundert, in dem man mit immer futuristischeren Bulldogs herumfahren wird, schaut aus einer auf 19. Jahrhundert getrimmten Staffage heraus, die Freizeitarchitekten für ganz besonders urig halten. Ich vermute, solcherart Patchwork, das Zusammenzwingen des ursprünglich nicht Zusammengehörenden, ist die einzige wirkliche Kulturleistung, die wir in den letzten, sagen wir 30 Jahren hervorgebracht haben.
Herbert Pöhnl behandelt seine Umwelt erkennungsdienstlich und damit erkennt-nisdienlich. Er nimmt, ohne selbst irgendeinen Kommentar dazu abzugeben, die Spuren auf, die andere hinterlassen haben: in und an der Landschaft, an ihren Häusern, in ihren Gärten, an ihrer Kleidung. Herbert Pöhnl hat einmal gesagt, er verstehe Fotografie als Phänomenologie: eifer-, ja kritikloses Zeigen der Phänomene, wie sie nun einmal sind. Seither sehe und verstehe ich Herbert Pöhnl als Sammler von Phänomenen. Er steigt für solche Phänomene, wenn sie sich urplötzlich am Straßenrand zeigen, sogar ziemlich unvermittelt auf die Bremse. Pöhnls Auto könnte hinten auf dem Heck einen Aufkleber tragen: „Ich bremse auch für Phänomene." Er fährt nicht einfach über die meist unbeachtete Poesie des Alltags hinweg. Das schärft auch unseren Sinn für diese jäh aufblitzenden Erkenntnisbilder des Alltags. Das geht so weit, daß man den regelrechten Pöhnl-Blick bekommt. Und es soll sogar schon passiert sein, daß Leute auf den Kauf besonders greislicher Blumenpflanzkübel verzichtet haben, weil eine warnende Stimme, die die Entlarvungskunst des fröhlich-heiteren Fotografen bereits kannte, gesagt hat: „Bloß ned! Sunst kummt da Pöhnl und fotografiert's!"
 
 
 
Ist uns die
Gemütlichkeit 

verlorengegangen oder
kommen wir 

schön langsam
dem Zümpfdig-Sein abhanden
 
wird es bald
nur noch 

menschenleere Heimatkapseln
geben 

dahintrudelnd auf ihrem
hinterbayerischen Orbit
 
manchmal
in der Nacht 

sehen wir dann ein
erleuchtetes Brotzeitstüberl 

als mannschaftslose
Raumstation 

vorübersegeln
 
 
 
Seltsame Empfindungen und Erfindungen sind oft nicht zu erklären
 
Seit zwei Wochen wird Herr Mangfaller die Vorstellung nicht mehr los, das Treppenhaus seines Wohngebäudes in den Außenbezirken der Kreisstadt Beutlschnaiting sei in Wirklichkeit eine Eieruhr. Frühmorgens um sieben rieselt Herr Mangfaller vom sechsten Stock ins Erdgeschoß, abends dann ist die Eieruhr, so sein Empfinden, umgedreht (vielleicht kommt das ja vonwegen der Erdrotation), jedenfalls rieselt er dann vom Erdgeschoß wieder in den sechsten Stock zurück.
Meist stellt sich Herr Mangfaller gleich so, wie er ist, unter die Dusche, hat er doch irgendwo gelesen, weichgekochte Angestellte solle man kurz mit kaltem Wasser abschrecken. Auch pellt er sich dann gleich viel besser aus der Servicepersonal-Uniform, die ihm sein Arbeitergeber, das Haus des Gastes in Beutlschnaiting, zur Verfügung stellt, marineblau ist sie und soll wohl an einen Schiffskapitän erinnern. Nach dem Duschen jedenfalls erinnert sie an einen ins Meer gefallenen Schiffskapitän.
Kleinmütige Geister werden jetzt natürlich wieder einwenden, in Hinterbayern gebe es ja gar kein Meer. Oh, ihr ewigen Realisten!