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Marianne Gradl-Grams,
Rufe des Morgenlichts - Antwort der Dinge.
Skizzen einer Landschaft. Prosa,
Broschur, 64 S., 9,10 Euro
ISBN 3-929517-36-1 |
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KURZTEXT
Nach ihrem literarischen Debüt 1984 mit Nichtwissenschaftliche
Beobachtungen, die Jahreszeiten betreffend, das Die Zeit
als "meisterhafte Naturbeschreibung" lobte, legt die
Autorin die Fortführung und Weiterentwicklung ihrer Natur-
und Landschaftsbeschreibungen vor. Genaue Naturbeobachtungen
sind die Grundlage dieser malerischen Landschaftskizzen, die
die gelernte Biologin Marianne Gradl-Grams vom Bayerischen Wald
zeichnet. Diese ebenso genaue wie poetische Naturbeschreibung
wird zur Schule des Sehens, in die sich der Leser dieser 52 Skizzen
begibt, eine Schule auch der Kontemplation und der Langsamkeit
angesichts von Schnellebigkeit und Bilderflut.
AUTORIN
Marianne Gradl-Grams, geboren 1944, studierte Biologie in Freiburg
und Kiel, verbrachte ihre ersten Berufsjahre als Diplombiologin
in Irland. Nach einer Zwischenstation in München zog sie
in den Bayerischen Wald, wo sie heute lebt.
Veröffentlichungen: Erzählungen in verschiedenen Literaturzeitschriften;
Bücher: ,,Nichtwissenschaftliche Beobachtungen, die Jahreszeiten
betreffend", Ebenhausen,1984; zusammen mit anderen Autoren
und dem Fotografen Bruno Mooser Waldland. Poetische Streifzüge
durch den Bayerischen Wald, lichtung verlag Viechtach,
1999.
LESEPROPE
1
Gestern Abend stand ich eine ganze Weile auf der Anhöhe
jenseits des Bachs und blickte nach Norden, auf die Überschneidungen
des Geländes dort, auf dieses eher flache, gar nicht auffällige
Hinüber und Herüber und versuchte mir klarzumachen,
wa-rum eigentlich, wenn ich den Bach auf dem Steg mit dem wackligen
Geländer überquert habe, den Hohlweg emporgestiegen
bin und die Anhöhe erreiche, warum dann jedes Mal dieser
kleine, freudige Schreck, dieses Entzücken und warum gerade
hier, wo doch die Gegend Reizvolles zur Genüge bietet? Was
ist denn nur dran an den kahlen, sich dehnenden Flächen,
den Wiesen, den Äckern, dem Ödland? Und kann es denn
sein, dass das Besondere von den paar Dächern dort kommt,
diesen roten, eng zusammengekauerten Dächern? _ Ja, von
der Behaglichkeit, der Geborgenheit, die sie umspielen, mitten
im offenen, ungeschützten Raum, und eine solche Spannung
zwischen den Extremen, dass es mich jedes Mal wieder beim Hinschauen
trifft!
2
Wenn die Sonne um das Wäldchen droben gewandert ist
_ noch einmal der Glanz im
Garten und jetzt ganz besonders: ein Durchleuchtetsein allenthalben,
flimmerndes Zerfließen im Licht, Aufblitzen von Insekten,
eine verzauberte halbe Stunde lang. Und danach die Sonne schon
hinter dem Hügel und der Garten wieder ganz anders, die
Farben zurückgekehrt an ihre angestammten Plätze, nun
leuchten sie maßvoll, aus sich selber heraus. Und Wind
bewegt das Laub, lässt Blütenblätter von oben
herab auf Blüten am Boden rieseln, schaukelt die Kerzen
des Silberblatts, rauscht und flüstert und erstirbt. Und
Vögel tauchen ins Gras, wühlen, zerren, schwingen sich
empor mit fetter Beute... Verstummen; Dämmerung, immer tiefere,
über den Beeten. Aber am Himmel, drüben im Westen,
noch das Lodern, Verglimmen des Abends und erst allmählich,
ganz allmählich auch dort Schatten, die Nacht.
3
Jähe Wärme _ und gleich die Gewitter, Wolken,
die über den Horizont quellen, zuerst glänzend im Licht,
glänzend und blendend und dann schon mit grauem Anflug.
Grau oder blau? Dunkler jedenfalls als der Himmel. Schattenflug,
Sonne, blühende Weichseln, Schlehdorn.... Der Dunst aber
nimmt zu, und plötzlich rauscht der Wald auf, sein eben
noch flimmerndes Laub ist stumpf geworden. Und da der Blick zwischen
den Stämmen hindurch in die Tiefe, wo über dem Löwenzahn
in den Wiesen ein Restchen Goldglanz sich behauptet, der Düsternis
ringsum zum Trotz.
4
Wenn an einem Morgen im Mai (später dann wird es
heiß, entweicht der Erde und dem warmen Staub ein Aroma
schon nach Sommer), wenn an diesem Morgen in der Frühe um
sechs der Garten den Nebel abstreift, aus milchigem Untergrund
Formen hervorwachsen, anschwellen, und Farbe explodiert...
Der ganze Tag freilich sollte ungewöhnlich sein. Die Hitze,
nun ja, aber doch viel mehr als nur die Hitze. Denn kaum hatten
die Frühnebel sich verzogen, erhob sich ein Südwind,
flog heran in immer kräftigeren, immer längeren Stößen,
fing Rufe des Morgenlichts und Antworten der Dinge auf (da waren
junges Laub und Gras, glasierte Ziegel und hüpfende Tupfer,
Gelb dicht an dicht: Löwenzahnblüten), sammelte dies
alles ein und führte es mit sich _ fiebrige Erwartung zwischen
Erde und Himmel!
5
Vorhin, im Zwielicht, war das Weiß des verblühten
Löwenzahns, dieses flaumige Weiß seiner Samenstände,
Samen dicht an dicht, in riesigen Flächen, in schmäleren
und um so deutlicheren Streifen, die Wiesenhänge hinauf,
die Wiesenhänge hinab _ ein solcher Blickfang (dazu ja noch
der Weißdorn, die letzten Apfelblüten), dass es mich
hinauszog in den Garten, und da, sieh mal an! Denn der Wind,
der den ganzen Tag über die Bäume droben am Hang verbogen
und Graues am Himmel angehäuft, nein, nicht gehäuft:
angesammelt und glatt gestrichen hatte, Graues gleichmäßig
aufgetragen wie mit einem Spachtel, und trotz der unruhigen Luft
war es schwül und drückend, dieser Wind _ auf einmal
erstorben. Am Boden lagen die zuvor umhergewirbelten Blütenblätter
reglos, wie betäubt vom eigenen Duft. Und still war es:
Vom Dorf herüber, von so weit her, ein Lachen; die paar
Grillen im Feld; dann mein alter Bekannter, der Igel, wie er
durchs Gras heranprus-tete. Und jetzt sogar das Kiebitzpärchen,
drüben bei den Fischweihern! Jetzt, wo es doch schon Nacht
ist und trotzdem nicht richtig dunkel wird, wegen der milchigen
Samenflut des Löwenzahns am Boden. |