KURZTEXT AUTORIN LESEPROBE


Margarete Heiß:
Gell Du
8 Illustrationen von Reinhard Michl, 80 S., 10,20 Euro.
ISBN 3-929517-60-4
bestellen

KURZTEXT

Die Autorin erzählt in 9 Geschichten von Marie, die in einem niederbayerischen Dorf aufgewachsen ist. Treffend und mit Charme fängt Margarete Heiß die Kindheit und Jugend in den 1950er und 60er Jahren ein. Die Sprache, in der sie erzählt, ist süddeutsch, mit Einsprengseln des Bairischen. Wie die Kindheit ist diese Sprache geprägt von der Spannung zwischen dem Dorfleben und der Situation der Lehrerstochter.
Der bekannte Kinderbuchautor und -zeichner Reinhard Michl hat die Erzählungen illustriert.

INHALT

O Tina o Marina
Hasi Hasi
Sidolin
Dolce vita
Die Weißen
Lehrermarie
Piroschka
Die Beatles
Verkehrte Welt


 
KURZTEXT AUTORIN LESEPROBE

AUTORIN UND ILLUSTRATOR

Margarete Heiß, 1953 in Sallingberg im Landkreis Kelheim geboren, ist Buchhändlerin; lebt in der Nähe
von Kelheim an der Donau. 1999 erschien der Gedichtband Kieselhüpfen.

Reinhard Michl, geboren 1948 in Niederbayern, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er erhielt den Gustav-Heinemann-Friedenspreis, seine Bücher wurden mehrfach für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland.

 


KURZTEXT AUTORIN LESEPROBE

LESEPROBE

Sidolin

Der Prangertag ist ein ganz wichtiges Fest gewesen. Ein weißes oder rosa Kleidchen mit Spitzen oder Lochmuster wurd vorbereitet und ein Kränzchen fürs Haar, neue weiße Söckchen und Kniestrümpf bekam das Mädchen, um auf heißes oder halbheißes Wetter vorbereitet zu sein.

Vor allem aber, und das war überhaupt das Wichtigste, durft man keine Sommersprossen und keine aufgeschlagenen Knie haben an dem großen Tag mit der Prozession. Das galt als sehr unschicklich, weil für diese Unschönheiten musst man vorher gewildelt haben, noch dazu draußen, was sich für kleine heilige Mädchen nicht gehörte.

„Pass auf, dass du nicht hinfällst", sagte die Mutter täglich, und am Abend wurd eine Schicht ,Schwanenweiß` auf die Nas mit den erblühten Sommersprossen geschmiert, was zur Folge hatt, dass am nächsten Morgen net nur die Sommersprossen sondern auch ein guter Teil der Haut abgegangen war und die Nas brannt vor Verätzung. Frag Marie nicht nach der Zusammensetzung der Creme, es war Teufelszeug. Zwischen den Mädchen begann der Konkurrenzkampf um die besten Knie. Wie die Prinzessinnen begannen sie sich zu bewegen, nimmer zu klettern, das Kastlhupfen, Fangerlspielen, Stelzengehen und eh alle gefährdenden Spiele einzustellen. Aber weil man es zwischendrin immer wieder vergessen hat, gelang es Marie nur ein einziges Mal, mit unverschorften Knien zu erscheinen am Prangertag. Auch weil sie, um schöne weiße Knie zu haben, den Schorf dann jedes Mal zu früh abzupopeln versuchte, die Knie begannen erneut zu bluten und der Schämschorf kehrte zurück.

Und weil der Tag net Fronleichnam hieß, sondern Prangertag, dacht Marie all die Jahr lang, dass das der Tag wär, an dem die Mädchen mit Sommersprossen und Schorfknien an den Pranger gestellt würden. Gell, du magst Sommersprossen? Sag es!

Auch in dieser Zeit muss ihr die Schand in der Kapelle passiert sein, da wo die Maiandachten abgehalten wurden. Mitten im Dorf neben dem Schulhaus stand der kleine einfache rundliche Bau, und wie überall war die Zeit vor und nach der Andacht eine fröhliche für jung und alt. Für die Frauen eine beinah südlich anmutende Gelegenheit zum Dorfratsch, für die Kinder eine Möglichkeit zu Maikäfersammlungen und langen Versteckspielen. Und freilich hat ihr der Blumenschmuck gefallen in der Kapelle und die Marienlieder. Aber mittendrin musst sie bisln. Zwar stand das Schulhaus gleich neben der Kapelle, schnell heimgehen hätt sie können und wieder kommen, aber aus der Kirch durft man net während der Andacht, das war Gesetz. Hosenbisln durft man auch net, das war auch Gesetz. Jetzt kannst du schon lachen, aber Marie musst sich an beide Gesetze halten, was einige Zeit gutging, die Bein zwickte sie zusammen und wetzte hin und her und kriegte schon das Gschau wegen ihrer Unruh. Strümpf hatt Marie an, die an Strapsen befestigt waren, aber stell dir keine Dessous vor, handfeste rosarote Strapsgürtel waren das, und waren sie ein bissl ausgeleiert, hingen die Strümpf recht weit unten und dazwischen war viel Platz für die runterrinnende Schand. Und auch die Unterhos würd die Schand wenig aufhalten. Auf ein wenigstens ganz kleines Wunder hoffte sie in dem Konflikt, weil noch dazu, als die Not riesengroß und allmächtig geworden war, ,Meerstern ich dich grüße, o Maria hilf.... Maria hilf uns allen aus unsrer tiefen Not` angestimmt wurd, und wenn sie inbrünstig mitsingen würd... aber Maria hat nicht geholfen. Ein Rinnsal hat sich gebildet ihre Bein entlang runter auf den Boden, und weil sie ganz vorn saß, haben es alle gesehen. Das Gekichere hat sich nach der Maiandacht zu einem Gelächter und Fingergezeig gesteigert, Marie lief weinend nach Haus. „Wärst halt eher gekommen und aufs Klo gegangen", sagte die Mutter.

Ein bissl später hat sich dann Maries Abwendung von der katholischen Kirch vollzogen, sie kann es gar genau festlegen zeitlich, weil im hinteren Teil des Badezimmers Regale voller Zucker gehortet waren wegen der Kubakrise, und weil ihre Eltern wegen der Kriegs- und Hungererfahrungen gerüstet sein wollten.

Samstags wurd der Badeofen eingeheizt mit Holz, das wie alle lebensnotwendigen Dinge sparsam zu benutzen war, so dass er nur einmal eingeheizt wurd, bis nach Jahren der Großvater als letzter in der Badewasserreih rebellierte und es zukünftig ein weibliches und danach ein männliches Wasser gab.

Die erste Heilige Kommunion hatt Marie hinter sich, als Kubakrise war, und den Beichtspiegel konnt sie auswendig: 1. Heilige Namen und Dinge 2. Sonn- und Feiertage... und dass sie in der Badwann jeden Samstag sündigte gegen das 6. Gebot, das wusst sie auch. Als erstes sperrte sie die Badezimmertür ab - „sie hat wieder zugesperrt" sagten sie draußen, „sie kommt in die Pubertät". Und Marie genoss ihre Badeorgien! Ohne Plastikenten, aber mit ihrem Sidolinflascherl, das sie ihr als nixkostendes Spielzeug überlassen hatten. Fenster putzte man mit Sidolin, heut gibt es auch andere Mittel, weil man für ein und dieselbe Sach scheinbar 100 verschiedene wählerische Möglichkeiten braucht, damals gab es Sidolin in einem kleinen hellblauen Flascherl mit einem Deckel und einem kleinen Loch drin, damit man das Mittel auf Lappen oder Fenster spritzen konnt. Klar war die leere Flasch das ideale Badspielzeug.

Voll Wasser füllte Marie es und spritzte an sich herum damit, bis sie die Stell fand, auf der es sich am besten anfühlte. Und je länger sie spritzte, desto wilder wurd sie. Und irgendwann musst sie dann fester schnaufen und eine Rieselei war durch ihren Körper und sie war glücklich, derweil geklopft wurd „wann bist denn endlich fertig, unser Wasser wird kalt". Aber darum hat sie sich net arg gekümmert beim Unkeusches treiben.

Dass sie es beichten musst, das war ihr schon auch klar. 6. Ich habe Unkeusches getrieben allein / mit anderen / in Gedanken / Worten / Werken. So einfach war das nicht. In Werken, das war sicher und eh das Schlimmste und das allein oder mit anderen konnt sie nicht entscheiden. War Sidolin ein anderer? „Ich habe Unkeusches getrieben in Werken", sagte Marie dem Pfarrer im Beichtstuhl. „Allein oder mit anderen?" fragte der Pfarrer nach, der es genau wissen muss, was Marie in dem Moment auf die Nerven geht, wo sie eh schon genug eingestanden hat für ihr Gfühl. „Mit Sidolin", sagt Marie, und der Pfarrer: „wer ist Sidolin?"

Da geht Marie aus dem Beichtstuhl. Und nie wieder hinein. Wenn einer schon net weiß, was Sidolin ist! Aber so neugierig! Jetzt musst net meinen, dass sie deswegen alle Pfarrer hasst und alle Kirchen. Es gibt ja einen Padre Stefano, der die Orgel so wunderbar spielt im Donaukloster und einen Padre Pedro, der sich ein bayrisches Kirchenasyl antut, und eine Santa Maria Assunta auf Torcello, und die net zu besuchen wegen einer Maiandacht vor 40 Jahren und einem Sidolinflascherl, das wär ja wirklich eine Sünd!