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Bernhard Setzwein, Ein Fahneneid aufs Niemandsland. Literatur über Grenzen. Essays, Reden, Interviews 176 S., 12,70 Euro, ISBN 3-929517-41-8 |
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KURZTEXT Bernhard
Setzwein, der bayerische Schriftsteller, der von München
gerade auf den Tag von München an die bayerisch-tschechische
Grenze nach Waldmünchen gezogen ist, als dort der Eiserne
Vorhang zerschnitten wurde, ist ein Kenner der bayerischen, der
österreichischen und tschechischen Literatur und Kultur.
In Essays, Reden und Interviews aus den letzten 10 Jahren stellt
er Autoren vor, spürt den Literaturen und der Geschichte
über die Grenzen hinweg nach.
INHALTSVERZEICHNIS
Die Papiere, bitte! Ein Wort vor Reiseantritt
An der Grenze...
zwischen keltischem Größenwahn und slawischer Melancholie
oder: Bayern/Österreich - eine unverbrüchliche Feindschaft
Der uralte Streit ums Beuschlprimat. 1000 Jahre Bayern mit und
gegen Österreich
Profund einverblödet in's Gewohnte". Heimito
von Doderers Doppelleben zwischen Wien und Landshut
Wie grausam litt ich in München". Johannes Freumbichlers
bayerische Jahre
Gerechtigkeit für Österreich! Ein Interview
... zum böhmischen Meer oder: Auf die Schiffe, Ihr Mitteleuropa-Matrosen!
... und Nemanice heißt Wassersupp'n. Tagebuch einer Grenzöffnung
Der Fürst des Blätterteigs. Ein Besuch im sommerlichen
Pilsen
To je fein! Kleines Plädoyer für die Mühe,
unsere Nachbarn verstehen zu lernen
Bleib gesund mir, Krakau!" Eine fast schon verloren
geglaubte Stadt kehrt zurück nach Mitteleuropa
Wie ich einmal mit Ladislav Klíma im U Schneidrù"
ein, zwei Stamperl Neunziggrädigen trank
Meine Helden leben in einem Dschungel." Gespräch
mit dem jungen Prager Autor Jáchym Topol
... zur Wörterstadt oder: Sieben Sprünge über
ein durchhängendes Seil
Meistens haben wir zum Schluß gelacht. Eine Annäherung
an Paul Wühr
... zum bayerischen Schänie oder: Von Volksdichtern,
die trotzdem nicht tümlich waren
Das Genie an der Hobelbank. Über Karl Valentin
Sie ist auf den Knien zu ihrem ersten Buch gerutscht. Glück
und Unglück der Lena Christ
Hartmut Riederer trinkt mit mir am Starnberger See ein
oder vielleicht auch zwei Weißbier. Ein Grantolettl
zu Ehren von Oskar Maria Graf
Das arme Bauerndeandl aus Schiefweg. Die Bayerwalddichterin
Emerenz Meier
... zu einem nicht mehr fernen Bayern oder: Verstaubte Zukunftsphotos
Ist Tschüs bairisch? Mundart an der Grenze zum neuen Jahrtausend
Phänomenologie HinterBayerns. Die erkenntnisdienlichen Photografien
des Herbert Pöhnl
Horrorsitzweil vorm Zeit-Mausloch. Heimat-Science-fiction und
Zukunfts-Spaßettl'n aus Anlaß eines Datumswechsels
Bernhard Setzwein, geboren 1960 in München, lebt in Waldmünchen.
Auszeichnungen u.a. Literaturstipendium der Stadt München
(1983), 2.Preis im Theaterstückewettbewerb der Tiroler Volksschauspiele
1997 mit Watten Wagner Wichs", Bayerischer Staatsförderpreis
für Literatur (1998). Autor von Romanen, Erzählungen,
Lyrik, Theaterstücken, zuletzt erschienen Zucker.
Ein Stück" (Viechtach 1997), Watten Wagner Wichs"
(Viechtach 1998), Das Buch der sieben Gerechten (Innsbruck 1999),
Nicht kalt genug" (Innsbruck 2000).
LESEPROBE
Die Papiere, bitte!
Ein Wort vor Reiseantritt
Andere Leut' haben ihre Weltanschauung, ich hab' meine Grenzanschauung.
Jeden Tag habe ich die, wenn ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers
vom bayerischen Waldmünchen aus auf den Bergrücken
des böhmischen Cerchov schaue. Dort oben verläuft eine
offene Grenze. Da herunten auf meinem Schreibtisch auch. Über
die muß ich tagtäglich hinüber und herüber.
Literatur und Grenzübertritt, das sind genaugenommen Synonyme.
Für mich jedenfalls. Ein Schreiben, das nicht immer auch
einen kleinen Grenzverkehr darstellt, interessiert mich, ehrlich
gesagt, wenig. Die Territorien, zwischen denen dabei grenzverkehrt
wird, müssen allerdings nicht immer die uns bekannten Ländernamen
tragen. Sie können auch heißen: Realienland und Phantasien,
Konventionalistan und Verrückisien, Wachmark und Traumauen,
Volkrepublik und Ichreich. Das eigentliche Vaterland des Schriftstellers
aber ist das Niemandsland zwischen all diesen Territorialmächten.
Sein Eid gilt der Niemandslandfahne!
Er ist ein Grenzlandbewohner von Haus aus, von diesem seinem
Haus aus, das fast genau auf der Grenze steht. Er streift die
Borderline entlang und sieht auch ohne Nachtsichtgerät dunkle
Gestalten und dunkle Geschehnisse. Nie ist er ohne Konterbande
unterwegs, und kein anherrschender Zuruf ist ihm lieber als der:
Die Papiere, bitte! Ja, genau, seine Papiere soll man aufmerksam
durchblättern. Man wird sie voller literarischer Sichtvermerke
finden.
Von denen soll hier die Rede sein, von meinen ganz persönlichen
Sichtvermerken. Ich habe hineingeschaut in Nachbarbücher
und Nachbarländer, bin Grenznaturen begegnet, und was ich
von ihnen erfuhr, habe ich hier vermerkt. Im übrigen gilt,
was Peter Handke in seiner Reise-Erzählung Die Wiederholung"
sagt, die das Karstland zwischen Kärnten und Slowenien beschreibt:
Eine Grenznatur, das ist eine Randexistenz, doch keine
Randfigur."
Es sind also meine Reise- und Lese-Eindrücke, die ich mitbringe
(man ist ja, liest man, ständig auf Reisen). Ich biete sie
lediglich an zum Vergleich mit den Eindrücken anderer. Festpflocken
und abgrenzen mit Pfählen möchte ich hier gar nichts.
Eher schon einladen, die Wollust des kleinen Grenzverkehrs zu
entdecken. Und solche Entdeckungen, wie ich sie meine, sind überall
zu machen. Sogar im Landesinnersten.
Das Genie an der Hobelbank. Über Karl Valentin
(Auszug aus dem Text)
Wer sich mit Leben und Werk Karl Valentins beschäftigt,
wird über kurz oder lang mit einer Frage konfrontiert werden,
die sich in dieser Deutlichkeit nur bei ganz wenigen stellt.
Sie lautet: Läßt sich der Fall denken eines Genies,
das nicht das geringste Bewußtsein davon hat, eines zu
sein? Mir fiele kein zweites Beispiel eines Künstlers ein,
der auf der einen Seite ein so innovativer, genuin schöpferischer
Geist war, der - es ist mittlerweile hinreichend analysiert worden
- sämtlichen Ästhetiken der Moderne vom absurden Theater
bis zum Dadaismus unbewußt (?) gefolgt ist bzw. sie mit
entwickelt hat (er war unzweifelhaft ein Pionier des damals gerade
aufkommenden Mediums Film) und der auf der anderen Seite so offensichtlich
überhaupt keinen Begriff davon hatte, was er da eigentlich
schuf. Valentin selbst hielt es wahrscheinlich für Vorstadtkomik.
Die anderen Fälle, die der anfänglich verkannten Genies,
die wenigstens immer einen hatten, der an sie glaubte, nämlich
sich selbst, die sind dagegen geradezu Legion. Ob James Joyce,
Bert Brecht oder Ludwig Wittgenstein, ja selbst ein stets skrupulöser
Franz Kafka, sie waren sich, trotz aller depressiven Phasen und
trotz aller temporären Versagensgefühle, doch immer
bewußt, Auserwählte zu sein und ließen es ihre
Umwelt auch mehr oder weniger deutlich spüren. Daß
ich aus der Fülle der Beispiele übrigens ausgerechnet
die eben Genannten auswählte, hängt damit zusammen,
daß sie alle vier unübersehbar in einer Geistesverwandtschaft
mit dem Münchner Komiker stehen.
Und Karl Valentin? Erstens einmal war er völlig desinteressiert,
was die künstlerischen Neuerungen seiner Zeit betraf. Gelesen
hat er so gut wie nichts, seine Bibliothek bestand aus einer
Handvoll Büchern, neben einem Gartenbuch und einem Gedichtband
von Kurt Schwitters (!) unter anderem der Sammelband Perlen
pessimistischer Weltanschauung" ... immerhin! Letzteres
war wohl so etwas wie das Hausbuch des Hypochonders. Ansonsten
war ihm seine Misanthropie als Quelle der Inspiration wichtiger
als allzuviel Wissen darüber, was in der neueren Kunst vor
sich ging. Valentin wollte Volkssänger und Bühnenkomiker
sein, vielleicht etwas besser als all die anderen, als Papa"
Geis oder der Weiß Ferdl zum Beispiel. Sein Anspruch ging
aber nicht darüber hinaus, mehr als ein universal einsetzbarer
Schriftsteller für Bühne, Film, Zeitung, Rundfunk
usw." zu sein (wie er gelegentlich unter seinen Namen im
Briefkopf schrieb), ein redlicher, braver Handwerker nicht nur
an seiner Heimwerkerhobelbank, wo er sich seine eigenen Requisiten
zusammenzimmerte, sondern auch am Schreibtisch. Er ist
der Volkskomiker, dessen einziges Kalkül handwerkliche Vollkommenheit
ist", schreibt Michael Glasmeier in seiner sehr lesenswerten
Untersuchung Karl Valentin, der Komiker und die Künste".
Sicher, manchmal polterte Valentin, er könne schon längst
ein deutscher Charlie Chaplin sein, wenn man ihn nur ließe,
doch wahrscheinlich wollte er damit am allerwenigsten zum Ausdruck
bringen, er sei ein Genie wie Chaplin, sondern allenfalls: ,Was
der kann, kann ich auch.` Es war Handwerkerstolz, so wie wenn
ein Metzger seine Weißwürscht mit denen der Konkurrenz
vergleicht.
... ein durchaus komplizierter, blutiger Witz"
Er lebe von Unsinnfabrikation" schrieb Valentin in
seiner Selbstbiographie, und damit auch ganz klar wurde, daß
er sich darauf nichts einbildete, setzte er noch hinzu: wie
die meisten seiner Mitmenschen". Niemals hätte er von
sich selbst gesagt, er sei eben ein Genie. Das Komische - im
valentinschen Sinne auch als das ,Saudumme` zu verstehen - ist
aber, daß er eins war! Und zwar eines, wie sein erster
Biograph Michael Schulte meint, das von Anfang an fertig"
war und sich im Grunde überhaupt nicht entwickeln mußte.
Nicht wenige haben das schon zu Lebzeiten erkannt. Die teilweise
verzückten Lobeshymnen, ob von Kurt Tucholsky, Hermann Hesse,
Alfred Polgar, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Franz Blei,
Anton Kuh und noch manch anderem, wie oft sind sie schon zitiert
worden? ( Und Brecht natürlich mit seinem so wahren Wort,
Valentin mache keine Witze, er sei einer, ein durchaus
komplizierter, blutiger Witz.") Beckett sah sich bei seiner
München-Reise einen Valentin-Abend an und gestand später,
er habe viel und traurig gelacht". Brecht, der sechzehn
Jahre jüngere, hat eindeutig von ihm gelernt, und das nicht
nur bei dem gemeinsamen, auf einem Dachspeicher in der Tengstraße
gedrehten Groteskfilm Mysterien eines Friesiersalons",
von dem die Forschung bis heute nicht zu sagen wüßte,
ob das auf uns gekommene Filmmaterial ein Fragment oder in sich
abgeschlossen sei ... vonwegen offene Form" des modernen
Kunstwerks!
Valentin selbst meinte zu all dem: Ich weiß garnet,
was die Kritiker da alles finden, in meine Sachen - ich will
doch bloß, daß die Leut lachen." (An anderer
Stelle allerdings sagt er auch, daß es ihm selbst nie zum
Lachen gewesen sei.) Dabei hat er die größten interpretatorischen
Anstrengungen ja gar nicht mehr kennengelernt. Was würde
er erst sagen, sähe er, wie mittlerweile sein Werk Gegenstand
philosophisch-philologisch höchst verzinkter Aufsätze
geworden ist. In der Deutschen Zeitschrift für Philosophie"
zum Beispiel, wo ihn der Autor Walter Gönner in einen Zusammenhang
mit Hegel, Schelling und Kant bringt? Alles Blödsinn? Wirklich?
Würde er reagieren, wie all jene wahren und selbsternannten
Sachwalter, die es gar nicht gern sehen, wenn ihnen ihr volkstümlicher
Valentin in den Pantheon solcher Geistesheroen entführt
wird - er gehört ihrer Meinung nach aufs Vorstadtbrett'l
und sonst nirgends hin! - und die dann, wie Karl Wanninger (keine
von Valentin erfundene Figur!), schon mal schreiben, unerträgliche
Schwätzer zerdeuteln ihn mit intellektuellen Verrenkungen,
faseln höchst gestelzt über ihn"?
Valentin Ludwig Fey, so der nach der Entbindung am 4. Juni 1882
eingetragene Geburtsname Valentins, trat mit 14 Jahren eine Lehre
bei dem Schreinermeister Hallhuber in Haidhausen an. Der Vater
wollte es so. Den gebürtigen Darmstädter hatte es nach
München verschlagen, wo er durch Einheirat Mitinhaber des
Möbeltransportgeschäftes Falk & Fey"
in der Münchner Vorstadt Au geworden war. Seine erste Frau
starb bereits im Alter von nur 28 Jahren, Johann Fey heiratete
ein zweites Mal, die aus Zittau in Sachsen stammende Johanna
Schatte, Valentins Mutter. Vier Kinder brachte sie zur Welt,
geblieben ist ihr nur der jüngste, die zwei älteren
Brüder Valentins starben sechs- und achtjährig an Diphterie,
die Schwester nur wenige Monate nach der Geburt. (Das sagt schon
fast alles aus über die Lebensverhältnisse damals im
Münchner Glasscherben-Vorort Au!) Auch er selbst war von
dieser extrem ansteckenden Krankheit befallen, ja der Arzt hatte
schon jede Hoffnung aufgegeben, wie durch ein Wunder überlebte
er. Valentins spätere lebenslange Hypochondrie hatte also
durchaus ihre Gründe!
Und nun sollte er also Nachfolger des Vaters in der Spedition
werden. Da konnte es sicher nicht schaden, etwas von Möbelschreinerei
zu verstehen. Daß Karl Valentin von seinem Vater auf den
Lebensweg eines Handwerkers geschickt wurde, wird dieser sicher
nicht zum Anlaß einer Rebellion genommen haben, vonwegen
er sei doch ein Künstler, im Gegenteil: Valentin betätigte
sich gern handwerklich, und genaugenommen, wenn man die Zeit
beim Schreinermeister Hallhuber als Bühnenrequisiteurslehre
betrachtet, war das genau die richtige Vorbereitung für
den späteren Allrounder. Ob Film- oder Bühnenkulissen,
ob die dekonstruktivistischen" Unsinns- und Horrorinstallationen
für seine verschiedenen Panoptiken, Valentin wußte
sich stets selbst zu helfen, den Großteil seiner Requisiten
baute er sich an seiner eigenen Werkbank zusammen. Ja, man könnte
sogar soweit gehen, in dieser geliebten Hobelbank"
einen zentralen Entstehungsort seiner Kunst zu sehen ... jedenfalls
tat dies auch der jüdische Münchner Photograph Nachum
T. Gidal, den Valentin als einzigen der Reportermeute je in seine
Wohnung ließ. Er photographierte den Künstler in seiner
Bastlerecke und schrieb: Im langen engen Korridor steht
die geliebte Hobelbank, Erfinder- und Experimentierwerkstatt
zugleich."
In einem Anfall von Löwenbräubierriesenrausch
Dieses handwerkliche Talent spielte auch eine entscheidende Rolle
bei Valentins Bühnenstart. Denn nach ein paar kurzen, nicht
immer erfolgreichen Auftritten als Vereinshumorist (drei Monate
lang hatte Valentin die Münchner Varietéschule besucht!),
verlegte er sich auf ein Gebiet, auf dem er schon eher aus dem
Gros der Vorstadthumoristen hervorstach: Er trat als lebendes
Orchestrion" auf! Schon allein dieses Ungetüm, bestehend
aus 27 Instrumenten samt Lichtspielen und Kanonenschlag, zusammenzubauen,
war eine Leistung. Sie auch noch alle zu spielen, und zwar als
liebliche Musik! Keine Lärmmusik", wie auf Handzetteln
angekündigt wurde, eine akrobatische Glanznummer. Also nicht
nur Handwerker, sondern auch noch Musiker war Valentin, wobei
auch hier auffällt, daß ihm ein laienhaftes Von-allem-ein-bißerl-was-Können
wichtiger war als ein virtuos-geniales Solokünstlertum.
Musikunterricht hatte er in Zither und Mandoline, außerdem
spielte er aber auch noch Trompete, Posaune, Tuba, Waldhorn,
Klarinette, Pikkoloflöte, Ziehharmonika, Gitarre und Geige.
Doch mit seiner Nummer vom lebenden Orchestrion",
mit der Valentin schließlich bis nach Berlin vordrang,
war es so eine Sache. Er kam nämlich nur deshalb soweit
damit herum, weil ihm jedes Mal nach dem ersten Auftritt sein
Engagement gekündigt wurde. Die rein mechanische Konkurrenz
der damals aufkommenden Musikapparate war stärker. Schließlich,
in einem Anfall von Löwenbräubierriesenrausch",
wie er selbst schreibt, zerstörte ich mit einem Holzhackel
meinen ganzen komplizierten Musikapparat". Eine Ur-Szene
valentinesker Destruktionskomik: Er befreite sich brachial und
rabiat aus jenen Zwängen der Objekte, die er sich zuvor
selbst geschaffen hatte. Ob es die zu langen Beine des Stehpults
sind, die er in dem bekannten Grotesk-Stummfilm aus dem Jahre
1913 einzeln nach und nach so lange absägt, bis er nur mehr
mit abgewinkelten Beinen sitzend darunterpaßt oder der
Scheinwerfer, der keine Scheine mehr wirft oder die nicht mehr
zu stoppende Sirene beim Rundfunkvortrag der Glocke"
von Schiller (heulend kommt der Sturm geflogen"),
fortan sind es immer wieder vorrangig die Tücken der Technik,
mit denen sich Valentin herumschlagen muß.
Meist ... nein, eigentlich immer unterliegt er. Man nenne mir
eine Valentin-Szene, bei der technische Abläufe ein einziges
Mal nur zur Zufriedenheit aller funktionierten! Daß das
Raketenschiff nicht wirklich den Flug zum Mond" schafft
in der gleichnamigen Szene ... na gut, das war zu erwarten. Die
leidigen Tücken der fernmündlichen Kommunikation -
ständig falsch entbunden, Verzeihung, falsch verbunden"
-, auch das kennt man aus eigener Erfahrung. Daß Notenständer
grundsätzlich verhext sind und die falsche Höhe haben,
man erwartet es nicht anders. Aber daß selbst die Fahrradhupe
nicht funktioniert und man bei deren Betätigung folglich
gleichzeitig Obacht" rufen muß, das führt
langsam schon zu dem gnadenlosen Zu-Ende-Denken, wie es nur Valentin
vorexerzieren konnte. Am Schluß steht dann der Meterstab,
geradezu eine Zentralmetapher Valentins, das heißt, er
steht eben nicht, weil er ständig zusammenklappt, so daß
man folglich mit diesem Inbegriff der naturwissenschaftlich exakten
Methode allenfalls in Keller abimessn" kann, aber
niemals am Speicher nauf"!
Das sind gewissermaßen die Fallstricke der Objektwelt,
über die Valentin ständig stolperte. Wo die Fallstricke
in der sprachlichen Kommunikation gespannt sind, das zeigte er
anfänglich, als er noch alleine auftrat, in einer Reihe
von Solovorträgen. Sehr geehrter Zuschauerraum",
beginnt er zum Beispiel sein Referat über Unsere Haustiere",
es freut mich hundsgmein, nein! ungemein, daß Sie
sich heute zu meinem wissenschaftlichen Vortrag über den
Nutzen und Schaden der Haustiere hier eingefunden haben."
Es ist aber auch hundsgemein" mit diesen ewigen Tücken
der Sprache ... wenn man Valentin eine Weile lang zuhört,
zweifelt man ernsthaft daran, daß sie wirklich ein VERSTÄNDIGUNGSmittel
sein soll und nicht eine böse Erfindung Gottes, um die Menschen
bis an das Ende ihrer Erdentage unaufhörlich zu tratzen!
Nie weiß man, welche Sprachebene zu wählen ist - Sehr
geehrter Herr, unser lieber Joseph" beginnen die Eltern
im Theaterbesuch" den Brief an ihren Buben! -, und
nie gelingt es einem, sich wirklich exakt, den wahren Tatbestand
treffend auszudrücken - hochachtungsvoll Deine fortgegangenen
Eltern nebst Mutter", so beenden sie den Brief.
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