KURZTEXT Setzweins „Blaues Tagwerk" ist ein literarisches Tagebuch, freilich ohne gekennzeichnete Tageseinträge. Es umfasst die Jahre 1997-2009, und ist selbst wieder Extrakt aus seinen Tagebüchern dieser Jahre. AUTOR Bernhard Setzwein, geboren 1960 in München, Studium der Germanistik. Seit 1985 freischaffender Autor (Romane, Lyrik, Theaterstücke, Essays), Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk sowie verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Lebt seit 1990 in Waldmünchen an der bayerisch-böhmischen Grenze. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für Literatur (1998), dem Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz in der Sparte Literatur (2003), dem Kulturpreis Bayern der EON AG (2006). Buchveröffentlichungen zuletzt u.a. „Die grüne Jungfer“ (Innsbruck 2003); im lichtung verlag erschienen u.a.: „Watten Wagner Wichs“ (1998), „München. Reise-Lesebuch“ (hrsg. mit H. Ettl, 1999), „Ein Fahneneid aufs Niemandsland“ (2001), „Ein seltsames Land“ (2007). LESEPROBE 1997 Selbst heute am Sonntag der Nachbar mit Hund und Schubkarre unterwegs. Wenn er sein Grundstück verläßt, dann eigentlich nur so: neben ihm hertrottelnd der altersschwache Schäferhund, vor sich herschiebend die meist leere Schubkarre. Als ob er im Laufe der Jahre mit ihr verwachsen wäre. Praktisch ist es ja: Zwei Beine, ein Rad, so kann er wenigstens nicht mehr umfallen. (4. Mai, Bild vom Leben auf dem Land) Bedenkenswert dieser Beinahe-Gleichklang von kosmisch und komisch. Stellt sich die Frage: Lacht das Universum, und falls ja, mit wem und vor allem über wen? Am Stamm unseres Uralt-Zwetschgenbaumes sechs süße, kleine Spechtjunge, die den ganzen Nachmittag lang unter aufgeregtestem Gezwitscher erstmals das Hämmern in einer Baumrinde erproben. Wenn einer etwas gefunden hat, frißt er es nicht selber, sondern steckt es seinem Geschwisterchen in den Schnabel. Von den Vogeleltern ist weit und breit nichts zu sehen. (Das war am 6. Mai …) Achte Todsünde: nicht mehr erinnert werden wollen. Igel soll es bereits seit 20 Millionen Jahren auf der Erde geben, lese ich in der Zeitung. Jetzt droht ihnen ernstlich der Garaus, und zwar weil sich der Mensch einmischt. In den letzten Jahren verstärkt dadurch, daß er Igel massenhaft einsammelt und im Spätherbst in völlig überforderten Tierheimen abgibt, wo sich niemand um sie kümmern kann. Ausgerottet durch Fürsorge! Lena amüsiert sich mit ihren Freunden immer wieder über den Vater und dessen Spleen, unseren Kater ausgerechnet Bohumil zu nennen. Ich betone: Doctor Bohumil Hrabal bitte! Der Tierarzt wenigstens nimmt mich ernst und trägt es genau so in den Impfpaß ein. Einer von Lenas Freunden fragt: »Wie heißt der? – Wohnmobil?« Hege den frommen Wunsch, sie mögen dereinst dahinterkommen, wem die Ehrerbietung galt. Die Spinnweben im Wanderstiefel: Zeichen, daß es wieder Zeit wird für einen Aufbruch. Katzengedicht In jedem Haus, Woanders wiederum Die verstehen dich schon besser. Kallmünz, das traumhafte Städtchen am Zusammenfluß von Naab und Vils. Der Ort hat etwas von einer Heimstatt für Höhlenhocker an sich. Manche der Häuser lehnen sich mit dem Rücken an den Jurafelsen an, manche sind sogar ins Gestein hineingebaut. Nach vorne drücken sie ihren Bierbauch heraus, jedenfalls hat so manche Außenmauer eine leichte Wölbung, und fast ist man versucht, den kugeligen Ranzen liebevoll zu streicheln. Aus gucklochgroßen Fenstern schauen die Bewohner auf die Vils- und Naabwasser heraus. Bewacht wird der ganze Hühnerhaufen aus Dacherln und über verwegen zusammengenagelten Leitern erreichbaren Terrassen von der hoch oben am Schloßberg thronenden Burgruine. Heimfahrt von München mit dem Zug mitten in den Weltuntergang hinein, so sintflutartig schüttet es aus schwarzen Bleiregenwänden. Im Abteil liest eine Frau neben mir ein Buch. Ich kiebitze nach dem Titel: »Sorge dich nicht – lebe!« Wieder erzählt einer eine Grenzgeschichte: Die Spezialisten der Bundeswehr in der Abhörstation auf dem Hohen Bogen sollen alle Jahre an Sylvester einen Funkspruch »von drüben« aus dem Osten erhalten haben, in dem in hervorragendem Deutsch der wachhabenden Mannschaft auf dem Hohen Bogen ein gutes, neues Jahr gewünscht wurde, und zwar jedem einzelnen namentlich und überdies nur denen, die auch wirklich an diesem Tag Dienst hatten und anwesend waren. Wundern kann ich mich nur beim Wandern. Annaberg-Fest in Sulzbach-Rosenberg: Das ist echter süddeutscher Barock. Eigentlich eine Wallfahrt, hat sich das Bergfest längst zu einem bierseligen Elysium mitten im Sommer verwandelt. Holzbänke und -tische auf allen Seiten und Hängen des Berges. Auf der Südseite sieht man hinunter auf die Maxhütte und den Schlackenhügel, der schon zum respektablen Berg angewachsen ist. Auf der Nordseite Ausblick auf das Hahnbacher Becken und die dahinterliegende sanft geschwungene Hügellandschaft. Das Doppelgesicht der Oberpfalz: Naturidylle und Industrieregion. Wissenschaftler haben festgestellt, daß noch zirka 10.000 verschiedene Sprachen auf der Welt gesprochen werden. Das Sprachensterben ist mindestens so rapid wie das Artensterben im Tier- und Pflanzenreich. Die Sprache, die aktuell die von den wenigsten Menschen gesprochene der Welt ist, heißt »Bika«. Man hat eine 87jährige Frau gefunden, auf der Grenze zwischen Kamerun und Nigeria lebt sie, die ist die einzige, die dieses »Bika« noch spricht. Man stelle sich vor: Der einzige Mensch im gesamten Universum zu sein, der noch eine bestimmte Sprache in seinem Mund hütet! Die Frage allerdings ist: Kann eine Sprache überhaupt noch sterben in dem Moment, in dem es schriftliche Aufzeichnungen von ihr gibt? Es gibt genügend Fälle, wo Altertumsforscher eine nicht mehr gesprochene Sprache wieder rekonstruiert haben, teilweise anhand nur mehr rudimentärer Aufzeichnungen weniger überlieferter Schriftzeichen. Diese betreffenden Sprachen waren also nicht ausgestorben, sie hatten sich nur für eine Zeitlang schlafen gelegt. Tröstliche Vorstellung: Wir Schriftniederleger betten die Sprache für ihren Schlaf, damit sie über einen vorübergehenden Tod hinwegschlummert. In der Nacht um drei aufgewacht und eine Sternschnuppe gesehen, wie ich sie noch nie sah: hell und deutlich wie eine Sylvesterrakete (nur die Richtung der Flugbahn war umgekehrt: nämlich erdwärts), erlosch auch mit einem ähnlich sprühenden Funkenregen. Ein Zeichen an mich? Und wenn ja, wofür? Und von wem? Schwalben: Sie sind die auf einem Einrad irrwitzige Kurven drehenden Akrobaten im Himmelszirkuszelt. Zusatz zum oben angeschlagenen Sprachenthema: Schon vor einiger Zeit soll ein Expertenrat, bestehend aus Sprachwissenschaftlern und Semiotikern, einberufen worden sein, dem man folgende Aufgabe stellte: Sie sollten ein Sprachen- und/oder Zeichensystem entwickeln, das auch in 20.000 Jahren noch von jenen Wesen, die dann die Erde bevölkern werden, entziffert werden können sollte. Eine solche halbwertszeitlose Sprache ist nämlich, dämmerte den Experten, unbedingt vonnöten, um unseren Ururururenkeln Nachricht davon zu geben, was wir ihnen als nettes kleines Geschenk aus der Vergangenheit zum Beispiel in unterirdische Salzstöcke zu legen vorhaben: jahrzehntausendlang strahlenden Atommüll nämlich. Mit dem Fotografen Alfred Schiener auf den Spuren von Karel Klostermann rund um Rehberg. Nahe der Ortschaft Modrova wollen wir uns etwas erfrischen, ziehen die Schuhe aus, krempeln die Hosen hoch und steigen in das eiskalte Flüßchen Otrava. Die Steine sind ganz mit Algen überwachsen, also extrem glitschig, ich stakse nur ein, zwei Schritte, da zieht es mir auch schon die Füße weg und ich liege arschlings im Wasser. Das hätt’ er festhalten sollen, der Alfred, mit seiner Kamera, den Augenblick des Abhebens … und den der Landung! Das wäre mein zukünftiges Autorenfoto geworden. Aber wie sagt Alfred so treffend: Die wirklich guten Bilder, die sieht man nur. Zum Beispiel das dreier Kinder auf den Rücken ihrer Ponys, wie sie in einem gottverlassenen böhmischen Dorf, im Hintergrund ein plakatüberklebtes Bushäuserl, den Fahrplan des Linienbuses studieren. Wir sahen’s … und waren auch schon vorbeigerauscht mit unserem Auto. Eine Theater-Groteske über Lady Di. Sie müßte damit beginnen, daß die Königin der Herzen am Fenster steht, die Gardine leicht zur Seite zupft und das Sätzlein schmachtet: »Wo sie nur bleiben / heute / die Fotografen!« (Ein halbes Jahr nach ihrem Unfalltod in einem Pariser Verkehrstunnel …)
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