Setzwein: Das blau Tagwerk Bernhard Setzwein, Das blaue Tagwerk.
Fast nichts 1997 bis 2009, 320 S., Klappenbroschur, mit 13 Fotovignetten, 21,90 Euro,
ISBN 978-3-929517-47-7.
bestellen

KURZTEXT

Setzweins „Blaues Tagwerk" ist ein literarisches Tagebuch, freilich ohne gekennzeichnete Tageseinträge. Es umfasst die Jahre 1997-2009, und ist selbst wieder Extrakt aus seinen Tagebüchern dieser Jahre.
Tagebuch, wenn es so geschrieben wird wie hier bei Setzwein, ist überraschend viel: Schnappschuss-Sammlung und Traumprotokoll, poetische Alltagsszene und Augenblicksdichtung, Pamphlet und Wutrede, Porträtsammlung und Lektüretipp sowie auch ein Journal diverser Reisen, die Bernhard Setzwein in den letzten 13 Jahren vor allem in den Osten, die Slowakei, nach Tschechien, aber auch Rumänien führten.
Bei allem, was diese Notate festhalten, ist es immer auch die Sprache, die Funken schlägt, in Wortspielen, in sich neu öffnenden Bedeutungen, erst für den Schreibenden, dann für den Leser. Dieses Tagebuch ist nicht zuletzt auch der Versuch eines Gerechtwerdens, und zwar all den Kleinigkeiten, Alltäglichkeiten, Flusen und Flinserln gegenüber, die letzten Endes das Poetische unseres Lebens ausmachen. „Fast nichts“ also, wie es in Anlehnung an Peter Handke im Untertitel heißt.

AUTOR

Bernhard Setzwein, geboren 1960 in München, Studium der Germanistik. Seit 1985 freischaffender Autor (Romane, Lyrik, Theaterstücke, Essays), Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk sowie verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Lebt seit 1990 in Waldmünchen an der bayerisch-böhmischen Grenze. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Bayerischen Staatsförderpreis für Literatur (1998), dem Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz in der Sparte Literatur (2003), dem Kulturpreis Bayern der EON AG (2006). Buchveröffentlichungen zuletzt u.a. „Die grüne Jungfer“ (Innsbruck 2003); im lichtung verlag erschienen u.a.: „Watten Wagner Wichs“ (1998), „München. Reise-Lesebuch“ (hrsg. mit H. Ettl, 1999), „Ein Fahneneid aufs Niemandsland“ (2001), „Ein seltsames Land“ (2007).

LESEPROBE

1997

Selbst heute am Sonntag der Nachbar mit Hund und Schubkarre unterwegs. Wenn er sein Grundstück verläßt, dann eigentlich nur so: neben ihm hertrottelnd der altersschwache Schäferhund, vor sich herschiebend die meist leere Schub­karre. Als ob er im Laufe der Jahre mit ihr ver­wachsen wäre. Praktisch ist es ja: Zwei Beine, ein Rad, so kann er wenigstens nicht mehr umfallen. (4. Mai, Bild vom Leben auf dem Land)

Bedenkenswert dieser Beinahe-Gleich­klang von kos­misch und komisch. Stellt sich die Frage: Lacht das Uni­versum, und falls ja, mit wem und vor allem über wen?

Am Stamm unseres Uralt-Zwetschgenbaumes sechs süße, kleine Spechtjunge, die den ganzen Nachmittag lang unter aufgeregtestem Gezwitscher erstmals das Hämmern in einer Baumrinde erproben. Wenn einer etwas gefunden hat, frißt er es nicht selber, sondern steckt es seinem Geschwisterchen in den Schnabel. Von den Vogeleltern ist weit und breit nichts zu sehen. (Das war am 6. Mai …)

Achte Todsünde: nicht mehr erinnert werden wollen.

Igel soll es bereits seit 20 Mil­lionen Jahren auf der Erde geben, lese ich in der Zeitung. Jetzt droht ihnen ernstlich der Garaus, und zwar weil sich der Mensch einmischt. In den letzten Jahren verstärkt dadurch, daß er Igel massen­haft einsammelt und im Spätherbst in völlig überforder­ten Tierheimen abgibt, wo sich niemand um sie kümmern kann. Ausgerottet durch Fürsorge!
10. Juni, herrlicher Sommerabend: Bohumil Hrabal zeigt uns stolz seine von ihm gefangene Maus. Er gibt sie frei aus seinem Gebiß, läßt sie ein biß­chen vor uns auf und ab quietschen (sie schleppt sich auf nur mehr drei Beinchen dahin), als wolle er sagen: »Nett, die Kleine, wie sie sich noch abrackert.« Er packt sie mit den Krallen der Vorderpfote, wirft sie in die Luft, sie klatscht auf den Teer unseres Hofes, unser idyllischer Som­mersitzplatz plötzlich ein bluttriefendes Hetztheater. Schließ­lich, mitleidig mit dem graus­lich um Erlösung flehenden Ding, gibt er ihr den Todes­biß. Frißt allerdings nur den Kopf, den Rest läßt er liegen. Ob Mäuseköpfe für Katzen das­selbe sind, was für uns Spargelspitzen? – Auch das ein Bild vom Landleben.

Lena amüsiert sich mit ihren Freunden immer wieder über den Vater und dessen Spleen, unseren Kater ausgerechnet Bohumil zu nennen. Ich betone: Doctor Bohumil Hrabal bitte! Der Tierarzt wenigstens nimmt mich ernst und trägt es genau so in den Impfpaß ein. Einer von Lenas Freunden fragt: »Wie heißt der? – Wohnmobil?« Hege den frommen Wunsch, sie mögen dereinst dahinterkommen, wem die Ehrerbietung galt.

Die Spinnweben im Wanderstiefel: Zeichen, daß es wieder Zeit wird für einen Aufbruch.

Katzengedicht

In jedem Haus,
in das du schleichst,
haben sie einen anderen
Namen für dich.
Dich amüsiert
soviel Bemühen um Originalität.

Woanders wiederum
geben sie dir gar keinen Namen,
sondern nur eine Schale Milch.

Die verstehen dich schon besser.

Kallmünz, das traumhafte Städtchen am Zusammenfluß von Naab und Vils. Der Ort hat etwas von einer Heimstatt für Höhlenhocker an sich. Manche der Häuser lehnen sich mit dem Rücken an den Jurafelsen an, manche sind sogar ins Gestein hineingebaut. Nach vorne drücken sie ihren Bierbauch heraus, jedenfalls hat so manche Außenmauer eine leichte Wölbung, und fast ist man versucht, den kugeligen Ranzen liebevoll zu streicheln. Aus gucklochgroßen Fenstern schauen die Bewohner auf die Vils- und Naabwasser heraus. Bewacht wird der ganze Hühnerhaufen aus Dacherln und über verwe­gen zusam­men­genagelten Leitern erreichbaren Terrassen von der hoch oben am Schloßberg thronenden Burgruine.
Und dann die mächtigen Linden im kleinen Biergarten vor dem Gast­­haus »Zur roten Amsel«. Wenn man da unter dem Blät­terbaldachin sitzt, direkt am Vilsufer mit Blick auf Wehr und alte Müh­le, spürt man etwas vom höhlenhockerischen Dasein unserer Urah­nen, wie sie sich unter einen kleinen Überhang in die­se Kalk­fels­wände hineingeduckt haben und gleichzeitig den Überblick hatten über den Zwickel zwischen den bei­den Flußarmen, die hier im Winkel einer Wünschelruten­ga­belung aufein­an­der tref­fen.
Auf der Au­ßen­fas­sade des Gasthauses ist noch immer das Fresko erkennbar, das die ersten Maler, die Kall­münz für sich entdeckten, hier zurückgelassen haben. Kandinsky und die Gabriele Münter gehörten dazu. Und dann der Fluß, oder ge­nauer die beiden Flüsse, die breite, bräunliche Naab, über­spannt von einer Anfang des 16. Jahrhunderts erbau­ten Steinbrücke, und die kleinere Vils, weinflaschen­grün …

Heimfahrt von München mit dem Zug mitten in den Weltuntergang hin­ein, so sintflutartig schüttet es aus schwarzen Bleiregen­wänden. Im Abteil liest eine Frau neben mir ein Buch. Ich kiebitze nach dem Titel: »Sorge dich nicht – lebe!«

Wieder erzählt einer eine Grenzgeschichte: Die Spezialisten der Bundeswehr in der Abhörstation auf dem Hohen Bogen sollen alle Jahre an Sylvester einen Funkspruch »von drüben« aus dem Osten erhalten haben, in dem in hervorragendem Deutsch der wachhabenden Mannschaft auf dem Hohen Bogen ein gutes, neues Jahr gewünscht wurde, und zwar jedem einzelnen namentlich und überdies nur denen, die auch wirklich an diesem Tag Dienst hatten und anwesend waren.
Und Herbert Pöhnl erzählte dazu, daß man gleich nach der Wen­de verwaiste Abhör- und Beobachtungsstationen im Böh­mi­­schen finden konnte, in denen noch alles lag und stand, wie es die Mannschaften verlassen hatten: angebissene But­­­terbrote, aufgeschraubte Wodkaflaschen, blecherne Henkeltassen mit einem Rest von schimmelüberzogenem Kaffee darin …

Wundern kann ich mich nur beim Wandern.

Annaberg-Fest in Sulzbach-Ro­sen­berg: Das ist echter süddeutscher Barock. Eigentlich ei­ne Wallfahrt, hat sich das Bergfest längst zu einem bierse­ligen Elysium mitten im Sommer verwandelt. Holzbänke und -tische auf allen Seiten und Hängen des Berges. Auf der Südseite sieht man hinunter auf die Maxhütte und den Schlackenhügel, der schon zum respektablen Berg angewachsen ist. Auf der Nordseite Ausblick auf das Hahnbacher Becken und die dahinterliegende sanft geschwungene Hügellandschaft. Das Doppelgesicht der Oberpfalz: Naturidylle und Industrieregion.
Mein Begleiter, der Fotograf und Verleger Günter Moser, führt mich zu einem Kreis von Freunden, die allesamt Mitglieder eines heimatkund­lichen Arbeitskreises aus Amberg sind. Jeder für sich ein liebenswerter Kauz und ein Unikum: so der Ornithologe, der Geologe, der Biologe. Sie können sich über die »Reliefumkehrung« dieser Bruch­schollenlandschaft ereifern wie andere über die neue Baureihe von BMW-Limousinen oder die Oberweite der Pamela aus »Baywatch«. Lustiges Völkchen! (Werd über sie schreiben, im »Jura«-Buch.) Und so sitzen wir denn auf den in die Wiese gerammten Bierbänken, Brat­wurst­schwa­den mischen sich mit den für Ende Juli allzu frühen Abendnebeln, erst kurz zuvor ging wieder eines der in den letzten Tagen häufigen sintflutartigen Sommergewitter nieder. Ab und zu mischt sich das Glockenläuten der Wallfahrtskirche unters Maß­­krugklirren, es ist genauso, wie uns christ-ka­tho­lischen Bayern der barocke Thea­ter­himmel immer beschrieben und vorausgesagt wurde.

Wissen­schaft­ler haben festgestellt, daß noch zirka 10.000 verschiedene Spra­chen auf der Welt gesprochen werden. Das Sprachen­ster­ben ist mindestens so rapid wie das Artensterben im Tier- und Pflanzenreich. Die Sprache, die aktuell die von den wenigsten Menschen gesprochene der Welt ist, heißt »Bika«. Man hat ei­ne 87jährige Frau gefunden, auf der Grenze zwi­schen Kamerun und Nigeria lebt sie, die ist die einzige, die dieses »Bika« noch spricht. Man stelle sich vor: Der einzige Mensch im gesamten Universum zu sein, der noch eine be­stimmte Sprache in seinem Mund hütet!

Die Frage allerdings ist: Kann eine Sprache überhaupt noch sterben in dem Moment, in dem es schrift­liche Aufzeichnungen von ihr gibt? Es gibt genügend Fälle, wo Altertumsforscher eine nicht mehr gesprochene Sprache wieder rekonstruiert haben, teilweise anhand nur mehr rudimentärer Aufzeichnungen weniger überlieferter Schriftzeichen. Diese betreffenden Spra­chen waren also nicht ausgestorben, sie hatten sich nur für eine Zeitlang schlafen gelegt. Tröstliche Vorstellung: Wir Schriftniederleger bet­ten die Sprache für ihren Schlaf, damit sie über einen vorübergehenden Tod hinwegschlummert.

In der Nacht um drei aufgewacht und eine Sternschnuppe gesehen, wie ich sie noch nie sah: hell und deutlich wie eine Sylvesterrakete (nur die Richtung der Flugbahn war umgekehrt: nämlich erdwärts), erlosch auch mit einem ähnlich sprühenden Funkenregen. Ein Zeichen an mich? Und wenn ja, wo­für? Und von wem?

Schwalben: Sie sind die auf einem Einrad irrwitzige Kurven drehenden Ak­ro­baten im Himmelszirkuszelt.

Zusatz zum oben angeschlagenen Sprachenthema: Schon vor einiger Zeit soll ein Expertenrat, bestehend aus Sprachwissenschaftlern und Semiotikern, einberufen worden sein, dem man folgende Aufgabe stellte: Sie sollten ein Sprachen- und/oder Zeichensystem entwickeln, das auch in 20.000 Jahren noch von jenen Wesen, die dann die Erde bevölkern werden, entziffert werden können sollte. Eine solche halbwertszeitlose Sprache ist nämlich, dämmerte den Experten, unbedingt vonnöten, um unseren Ururururenkeln Nachricht davon zu geben, was wir ihnen als nettes kleines Geschenk aus der Vergangenheit zum Beispiel in unterirdische Salzstöcke zu legen vorhaben: jahrzehntausendlang strahlenden Atommüll nämlich.
Nach eingehenden Beratungen soll der Expertenrat zu dem Schluß gekommen sein, daß von keinerlei sprachlichen Zeichen mit Sicherheit zu sagen sei, ob sie nach einer so langen Zeitspanne tatsächlich noch dekodiert werden können – und zwar dem Sinne nach, wie wir es auch gemeint haben (ungefähr nämlich »Finger weg von dem Zeug«). Wir wissen ja heute schon nicht mehr, was Stonehenge eigentlich besagen will. Und Stonehenge ist »lediglich« 5000 Jahre alt. Jedenfalls: Der Expertenrat war der Meinung, die mit Vorbehalt sicherste Methode sei nicht die Entwicklung beispielsweise irgendwelcher Piktogramme, sondern – und jetzt kommt’s – die Etablierung einer Art höchstgeheimen Priesterkaste, deren alleiniger Sinn und Zweck es sein müßte, ein paar fundamentale »Gesetzestexte« von Mitgliedergeneration zu Mitgliedergeneration möglichst unverfälscht weiterzugeben. Eine dieser Vorschriften müßte lauten: Ja nicht den Salzstock öffnen! Natürlich würden sich die abstrusesten Begleitlegenden herausbilden, was der »wahre Sinn« solcher Verbote sei. Und wahrscheinlich wäre es eben doch nicht zu verhindern, daß irgendwann einmal Nachfahren von uns kämen, die das von uns ihnen aufgegebene Rätsel trotz aller Verbote lüften wollen. – Faszinierendes Gedankenexperiment, das dieser Expertenrat, gut abgeschirmt von jeglicher Öffentlichkeit, da durchgespielt hat. Müßte eigentlich Science-fiction-Autoren auf den Plan rufen.

Mit dem Fotografen Alfred Schiener auf den Spuren von Karel Kloster­mann rund um Rehberg. Nahe der Ortschaft Modrova wollen wir uns etwas er­frischen, ziehen die Schuhe aus, krempeln die Hosen hoch und steigen in das eiskalte Flüßchen Otrava. Die Steine sind ganz mit Algen überwachsen, also extrem glitschig, ich stakse nur ein, zwei Schritte, da zieht es mir auch schon die Füße weg und ich liege arschlings im Wasser. Das hätt’ er festhalten sollen, der Alfred, mit seiner Kamera, den Au­genblick des Abhebens … und den der Landung! Das wäre mein zukünftiges Autorenfoto geworden. Aber wie sagt Alfred so tref­fend: Die wirklich guten Bilder, die sieht man nur. Zum Beispiel das dreier Kinder auf den Rücken ihrer Ponys, wie sie in einem gottverlassenen böhmischen Dorf, im Hin­tergrund ein plakatüberklebtes Bushäuserl, den Fahrplan des Linienbuses studieren. Wir sahen’s … und waren auch schon vorbeigerauscht mit unserem Auto.

Eine Theater-Groteske über Lady Di. Sie müßte damit be­ginnen, daß die Königin der Herzen am Fenster steht, die Gardine leicht zur Seite zupft und das Sätzlein schmachtet: »Wo sie nur bleiben / heute / die Fotografen!« (Ein halbes Jahr nach ihrem Unfalltod in einem Pariser Verkehrstunnel …)