Lao Tse: Tao Te King. Nachdichtung von Wolf Peter Schnetz Lao Tse: Tao Te King.
Nachdichtung von Wolf Peter Schnetz,
mit einem Nachwort von W. P. Schnetz,
lichtung verlag 2009, 112 S.,
Klappembroschur, 11,80 Euro,
ISBN 978-3-929517-88-0
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KURZTEXT

Das Tao Te King des Lao Tse (571 v. Chr.) gilt neben der Bibel als das meistverbreitete Buch der Welt. Der Autor dieser chinesischen Spruchweisheiten ist weitgehend unbekannt, Lao Tse heißt eigentlich nur „alter Meister“.
81 Sprüche umfasst das Buch vom Weg, der Kraft und der Wahrheit. Das Tao beginnt im Nichts und endet im Nichts, das Nichts ist Leere und Fülle zugleich. Die Weisheitslehre des Lao Tse gründet auf dem Gedanken des „Handelns durch Nichthandeln“ (Wu Wei). Daraus folgert die Lehre, nicht in den Lauf der Dinge einzugreifen und das Gesetz der Natur zu achten, gewaltlos zu bestehen und nicht zu beharren.
Die literarische Nachdichtung von Wolf Peter Schnetz folgt den zugänglichen Übersetzungen im deutschen und englischen Sprachraum und liegt hier in der dritten Überarbeitung vor.

AUTOR

Wolf Peter Schnetz, 1939 in Regensburg geboren, studierte in Erlangen, Mainz und München Germanistik, Anglistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft. Von 1968 bis 2000 arbeitete er als Kulturdezernent zuerst in Regensburg, später in Erlangen. Seit 2001 lebt er als freier Schriftsteller wieder in Regensburg.
Wolf Peter Schnetz schreibt Lyrik und Prosa, er veröffentlichte ca. 40 Bücher. Für sein Werk wurde er ausgezeichnet u.a. 1988 mit dem Joachim-Ringelnatz-Preis der Stadt Cuxhaven und 2000 mit dem Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Im lichtung verlag erschienen zuletzt die Erzählung Im Jahr der Sphinx – Rückkehr in die Stadt am Strom (2003) und der Gedichtband Die Früchte des Regenbogenbaums oder Die Entdeckung des Schweigens (2004).

LESEPROBE

1. Spruch

Der Weg, den ich kenne,
ist nicht der ewige Weg.
Der Name, den ich nenne,
ist nicht der ewige Name.

Der Anfang von allem ist ewig.
Er hat keinen Namen.
Namenlos ist der Anfang.

Benannt mit dem Namen
der Mutter, die sie gebar,
sind tausend und abertausend Geschöpfe.

Frei von Verlangen
gelange ich
durch stetes Betrachten
ins Reich der Geheimnisse.

Voll von Verlangen
gelange ich
stets nur an Grenzen.

Beides geschieht zugleich
und hat verschiedene Namen:
das Bleibende wie das Vergängliche.

Einzig im Eigenen
öffnet sich aller Geheimnisse
Einlass.

2. Spruch

Jeder weiß,
das Schöne ist schön,
weil es das Unschöne gibt,
das Gute ist gut,
weil es das Ungute gibt,
jeder weiß es.

Sein und Nichtsein
bedingen einander.
Das Schwere vollendet sich
durch das Leichte.
Das Lange misst sich
am Kurzen.
Höhe und Tiefe
streben aufeinander zu.
Ton und Stimme
schwingen zusammen.
Jedem Zuvor
folgt ein Danach.

Deshalb verweilt der Weise
im Tun ohne Tat.
Er lehrt, ohne Worte zu lehren.

Das Leben entsteht und vergeht.
Er lehnt den Wandel nicht ab.
Er schafft, ohne besitzen zu wollen.
Er wirkt und bewirkt,
ohne beharren zu wollen.
Das Werk wird vollendet
und bleibt nicht verborgen.
.
Nur wer der Welt nichts vorenthält,
dem wird nichts genommen.

3. Spruch

Man soll die Hochfahrenden
nicht noch höher loben,
sonst gibt es Streit und Ärger unter den Leuten.
Wer sich nicht brüstet mit kostbaren Gütern,
wird nicht beraubt.
Wer seine Gaben nicht prahlend zur Schau stellt,
sät nicht Verwirrung im Herzen.

Der Weise sorgt vor:
Er stillt den Hunger,
ohne Begierden zu wecken.
Er stärkt die Kräfte
und schwächt das Verlangen nach Ruhm.

Sein Bestreben ist stets,
dass Aufruhr und unerfüllbare Wünsche
nicht um sich greifen.

Darauf ist er bedacht,
dass die Vorwitzigen nicht aufbegehren:
Er handelt, ohne zu handeln,
so bleibt alles im Lot.