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Barbara Krohn: Alltagsrettung,
mit 12 s/w-Illustrationen (Radierungen) von Susanne Vierheller,
Klappenbroschur, 80 S., 9,90 Euro,
ISBN 978-3-929517-92-7
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KURZTEXT
Die hier vorliegenden 54 kurzen Prosatexte kreisen rund um den Alltag, in den wir verstrickt sind, der uns hindert und aufhält, zugleich aber unser Leben ist: unser Alltagsleben. Gegen die Gewohnheit leben, in einem Bild verschwinden, die Hoffnung füttern, grundlos lachen, ab in den Blätterrausch, den Luftzug nehmen – mit viel Phantasie spürt die vor allem als Krimiautorin bekannt gewordene Schriftstellerin Barbara Krohn Lücken im Alltag auf, findet und erfindet sie kleine Fluchten. Ihr Buch ist aber auch ein Plädoyer für den Alltag als solchen, geht es doch auch darum, die Langeweile neu schätzen zu lernen, die Widerstände zu lieben. Und dies alles mit den Mitteln der Literatur! Die kleinen poetischen Texte überzeugen mit ihren dichten Bildern und der knappen Sprache. Krohns Hamburger Jugendfreundin Susanne Vierheller hat das Buch mit zwölf Radierungen illustriert – lyrische Pausen zwischen den Alltagsrettung-Texten.
AUTORIN
Barbara Krohn, geboren 1957 in Hamburg, lebte vier Jahre in Neapel, seit bald zwei Jahrzehnten in Regensburg; arbeitet als Schriftstellerin, Übersetzerin, Dozentin für Kreatives Schreiben.
Veröffentlichte Lyrik, Erzählungen, Romane, Krimis, literarische Essays. Ihr Buch „Rosas Rückkehr“, eine Kriminalgeschichte um Glück und Unglück in der Familie, wurde vom ZDF unter dem Titel „Der Tote am Strand“ verfilmt. Im lichtung verlag erschien 2004 ihr Gedichtband „Orte der Liebe“.
www.barbara-krohn.de www.kreatives-schreiben-regensburg.de
ILLUSTRATORIN
Susanne Vierheller, 1947 in Hamburg geboren; bis 2002 Studienrätin für Französisch und Deutsch.
Berufsbegleitende Ausbildung in Malerei, Graphik und Photographie. Ausstellungen seit 1998, vor allem im Hamburger Raum. Lebt und arbeitet in Bendestorf bei Hamburg.
LESEPROBE
23
Draußen die Welt ist grau und trüb, Wasser stürzt aus den Wolken – geh hinaus, stell dich dem Regen. Nimm nicht den Trübsinn an, sondern die Herausforderung: zieh die Socken, die Schuhe aus, geh barfuß und vergiss auch den Schirm, du brauchst ihn nicht. Wenn du willst, zieh dein schönstes Kleid an. Es geht ums Ganze, wie immer in diesen scheinbar unscheinbaren Momenten. Spürst du die Tropfen, wie sie auf dir landen, an dir zerschellen? Du wirst nass, deine Haare, dein Gesicht, deine Zehen. Lass dich erweichen bis unter die Haut. Bis das Lachen aus dir herausbricht, oder das Weinen.
24
Spuren auslegen, mindestens eine am Tag. Sie müssen nicht groß sein, nicht ins Auge fallen – die stillen, unsichtbaren tun es auch. Einen Namen in die Erde ritzen, mit dem Stock, der Spitze deines Schuhs. Beim Einkaufen einen geheimen Wunsch zwischen die Nudelpackungen stecken. Dem Star ein Lob zurufen, der virtuos vor deinem Fenster um ein Weibchen wirbt und nicht dich meint. An einen Menschen denken, der dir nahe ist, nahe war. Sieh einfach zu, dass du Spuren hinterlässt, in dieser rasanten Zeit, ein Lebenszeichen. Und wenn du Glück hast, kreuzt sich deine Spur mit einer anderen.
25
Erfinderisch sein. Du bist im Bus, in der U-Bahn, im Zug. Füllst eine Lücke in deinem Tagesprogramm, Transport von hier nach dort, zur Arbeit, wieder zurück. Es ist voll, die Luft verbraucht, an den Fenstern bleckt die Werbung für berufliches Fortkommen und den Vergnügungspark. Du kennst das alles, Tag für Tag. Vielleicht hörst du Musik, wirfst einen Blick aufs Boulevardblatt deines Gegenübers und übst den überlegenen Gesichtsausdruck oder den abweisenden. Und die Zeit geht nicht rum, und die Ödnis hat fast schon gesiegt. Lass dich nicht anstecken! Dichte den Leuten Geschichten an. Weshalb dieser Mantel, diese Frisur, diese Brille? Wohin des Lebenswegs, welcher Beruf, und wie geht es heut den Leidenschaften? In welchem Wohnzimmer wird dein Gegenüber am Abend sitzen? Wie lautet wohl der erste Satz der Frau am Fenster, wenn sie morgens aufsteht? Wie sehen beide aus, wenn sie lächeln? Und wenn diese erfundenen Leben zu versanden drohen, schaufle sie frei, gib ihnen Flügel, schenk ihnen das Unerwartete: die kleine Flucht, das große Abenteuer! Beim Aussteigen denkst du dann: das hätte ich nicht gedacht. So einer ist das also. Und du lächelst.
26
Warum nicht einen Baum besuchen? Ihn zu finden wird nicht allzu schwer sein, selbst in der Stadt. Ob Eiche, Buche, Weide, Pappel, Linde, liegt bei dir. Seinen Namen solltest du kennen und ihm den deinen sagen. Eine Frage des gegenseitigen Respekts: man besucht sich, sagt einen Gruß, tritt ein ins Leben des anderen. Du musst nichts in die Rinde ritzen. Kannst ihm die Hand auflegen und deine Arme um seinen Stamm, spürst das Raue, die Furchen, Falten, Lebensadern. Kannst dich an ihn lehnen, und er gibt für ein paar Augenblicke Halt in dieser wankelmütigen, rasanten Welt. Wenn du willst, leg den Kopf in den Nacken oder dich unter den Baum. Sieh nach oben, sieh dich satt: Blattwerk, Äste, Zweige, Früchte, Himmelsfetzen, einzigartige Muster, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Wie alles sich immerfort bewegt und wiegt und doch in sich ruht.
27
Im Zweifelsfall den Zweifel schützen. Auch wenn die Gewissheit verlockend klingt, wenn eine feste Stimme sagt: Hier geht es lang. So war es, so ist es, so wird es immer sein. Doch wer weiß das schon? Wie es wirklich war? Wie es sein wird? Und: wie es ist? Selbst die Grammatik kennt ihre Zweifelsfälle. Erst recht das Leben: Sein oder Nichtsein. Gehen oder Bleiben. Gut oder Böse. Kein Grund zum Verzweifeln. Menschheitsfragen, nicht mehr, nicht weniger. Und im Zweifelsfalle für den Angeklagten.
28
Widerstände lieben, Unebenheiten. Die Baumwurzel, die eine Gehwegplatte hebt: fast wärst du gestürzt. Die letzte Vereisung vor Frühlingserwachen: ausgerutscht. Der Baum am Zaun in Nachbars Garten: keine Kirsche, nur eine Lärche, die dir tausend ärgerliche Zapfen vor die Füße wirft. Immer ist die Ampel rot, der Bus schon weg, und wieder hast du keinen Schirm dabei. Na und? Es läuft anders, als du denkst? Wie reizvoll! Du lebst! Im Widerstand, der der Welt zu eigen ist. Und das ist mindestens ein Lächeln wert.
INHALT
Gegen die Gewohnheit leben
Einen Ort im Gelände finden
Den Jäger und Sammler in dir wecken
Das Wasser suchen
In einem Bild verschwinden
Das Einhorn neu erfinden
Noch einmal aus dem Haus
Ab in den Blätterrausch
Stell dich in den Schatten
Die Zeit in der Hand wiegen
Ein paar Schritte rückwärts gehen
Den Strand aufsuchen
Einen Lichtblick entdecken
Einen Liebesbrief schreiben
Steine sammeln
Geh mit auf Vogelflug
Die Hoffnung füttern
Blättern in alten Schulheften
Das Singen wiederentdecken
In ein Boot steigen
Den Freiraum suchen
Die Top-Ten von einst
Stell dich dem Regen
Spuren auslegen
Erfinderisch sein
Einen Baum besuchen
Den Zweifel schützen
Widerstände lieben
Eine Brille aufsetzen
Nichts zu machen
Einen anderen Gang einlegen
Augen auf für Tautropfen
Einen fremden Mantel anziehen
Nimm den nächsten Luftzug
Die Wüste in dir suchen
Worte in die Bäume hängen
Sich bewegen
Den seidenen Faden pflegen
Dein Konto austricksen
Eine Prise Humor bereithalten
Alte Schlüssel sammeln
Jeden Morgen auf Wanderschaft
Aufs dünne Eis sich wagen
Den Dingen ein Gegenüber sein
Den eigenen Garten pflegen
Die Langeweile neu schätzen lernen
Grundlos lachen
Aufs Dach steigen
Vergesslich sein
Stell Fragen
Liebesgeschichten erfinden
Den Wellenschlag des Lebens spüren
Gehen wir endlich ans Eingemachte
Den Alltag retten
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