Armin Kratzert, Hawaii. Armin Kratzert,
Hawaii.

Roman
128 S., 11,20 Euro
ISBN 3-929517-70-1
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KURZTEXT

"Selten ist mir Lässigkeit im Schreiben so positiv oder luftig oder durchlässig begegnet. Und zugleich spürt man Ernst und Ernstnahme noch und noch." Sagt Peter Handke über diesen Roman...
Der Duft wilder Erdbeeren, eine Rakete im Hinterhof, ein nacktes Mädchen im hellerleuchteten Fenster des Nachbarhauses, das strohgelbe Haar der Großmutter, Neuschnee auf der nächtlichen Straße in den Süden - erzählt wird, so scheint es, in Anekdoten, Rückblenden, Erinnerungsfetzen, Fundstücken, Reflexionen und collagierten Skizzen die Geschichte einer Kindheit und Jugend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Er kommt genau an dem Tag zur Welt, als der amerikanische Präsident ermordet wird. Kindheit in den Bergen, Bundeswehr, Studium in München; Jakob schreibt alles auf, damit er nichts aus seinem Leben vergisst. Er will Schriftsteller werden, Journalist, Bohemien... Beschrieben wird dabei auch die Geschichte der Entstehung dieses Lebenslaufes und die Umstände seiner Niederschrift. Aber schließlich wird deutlich, dass dies alles auch nur ein ziemlich komisches oder todernstes Spiel sein könnte – ein Roman...

AUTOR

Armin Kratzert , geboren 1957 in Augsburg, lebt als Schriftsteller und Journalist in München.
Veröffentlichungen: Der Senn. Reise in 7 Tagen von der Alm nach Passau. Viechtach 1998, Gothik. Nachrichten vom Ende der Welt. München 1999, KÖNIG LUDWIG LOVE SENSATION. The Neuschwanstein Tapes. Viechtach 2002, Playboy. Salzburg 2004.

 

LESEPROBE

I

In dem kleinen süddeutschen Ort C. tönte gerade aus vielen Radiolautsprechern die Nachricht vom Tod des amerikanischen Präsidenten, als ich zur Welt kam: An einem kühlen Spätsommertag, der nach frischgeschlagenem Holz duftete, nach harzigem Rauch aus tausend Kaminen und dampfigen Schwaden vom grünen Fluss.

Meine Mutter soll wütend Nein! geschrieen haben, als sie mich sah, weil sie lieber ein Mädchen gehabt hätte, und meinem Vater, der am Tag meiner Geburt noch vor Gericht stand, wurde die Tatsache durch einen Saaldiener zugeraunt – er hat stumm genickt.

Ich war der Erstgeborene. Ich musste also meine Welt selbst erfinden – und meine Eltern sahen zu, staunend, glücklich, ratlos manchmal. Fröhlich war meine Mutter, jung, neugierig und voll guten Willens; ungeduldig mein Vater, immer beschäftigt, zornig, selten gutmütig, eitel.

Ich war ihr Sohn.

Wie alle Kinder schiss ich in die Hosen, schrie in der Nacht, liebte einen Teddybären; genauso hasste ich Spinat und rohe, geriebene Leber, mochte aber Pudding, Nudeln und Bananen; wie alle Kinder meiner Generation wurde ich gezwungen, zu essen, was auf den Tisch kam, mir die Finger abzuwischen und den Mund zu halten.

Von dem Gefühl, an meiner Mutter Brust zu saugen, weiß ich nichts mehr, wohl aber von dem Glück, die prall gefüllte Blase in hohem Bogen, mit festem Strahl, zu leeren – ich tat es nackt, auf dem Rücken liegend, auf Polstern oder im Arm meines freundlichen Großvaters.

Ich robbte gern allein auf dem Bauch durch den Garten und spürte das Gras in meinem Gesicht, raue Blätter bunter Blumen, Tau, der meine Lippen netzte, sah schillernde Käfer vor mir fliehen, Ameisen, die über trockene Äste krochen – und schmeckte die satte schwarze Erde, wenn mein Kopf schließlich müde auf den Boden sackte.

Eines Tages konnte ich durch eine Lücke im Zaun zum Nachbarn kriechen, seine Beete verwüsten, seine Katze erschrecken und die sorgsam auf Holzwolle gezogenen Erdbeeren abreißen.

An einen scharfkantigen, roten, eisernen Doppelde-ckerbus kann ich mich noch erinnern, den mein Vater von einer Reise nach London mitbrachte, und an seine Geschichten von tödlichen Spinnen in rohem Obst und Salat, die in Südamerika auf unvorsichtige Kinder lauerten; auch an den Schwung der hölzernen Treppe, die rechts vom Eingang aus dem engen Flur hoch zu meinem Zimmer führte.

Später versuchte ich gerne, dem Kindermädchen unter den Kittel zu schauen, seine Brüste zu fassen oder es in seinem Zimmer zu belauschen: Nach der ersten Beschwerde bei meiner Mutter wurde diese Neugierde mit scharfen Drohungen gebremst.

Das Mädchen hieß Ingeborg. Damals trug ich einen Schlafanzug aus knallrotem Frotteestoff, den ich sehr mochte und überaus kleidsam fand.

Auch meine Tante Mina beeindruckte mich. Mina hatte einen ungewöhnlich hohen Haaransatz und trug einen gewaltigen Busen vor sich her, sie hatte keine Kinder, dafür einen kleinen Hund, und ihr Mann war tot. Tante Minas gelbes Auto war schneller als das meines Vaters, und gelegentlich rauchte sie ägyptische Zigaretten.

Aber dies sind inzwischen alles doch recht ferne Bilder, ich sehe sie klein vor mir, leicht unscharf, verlaufen an den Rändern, so dass ich immer die Augen zusammenkneifen will, um genauer hinschauen zu können – denn all dies ist ja aus meiner Welt längst verschwunden.

Das Wasser des Baches, der über die Wiese vor unserem Haus floss, sprudelte aus einer Quelle am Rande der Waldlichtung, eine Viertelstunde Wegs für einen Buben entfernt, und diese Quelle war klar, von rundgeschliffenen, moosigen Steinen umrandet und bewohnt von einem kleinen Krebs, den ich oft besuchte.

Der Bauer, der unser Nachbar zur Rechten war, bezog sein ganzes Wasser aus der Quelle dieses Krebses; er verfolgte mich wütend, wenn ich den grünen Schlamm am Grund aufwühlte.

Das Tal, in dem C. lag, war von Bergkuppen umgeben, die alle bis oben hin bewaldet waren; darüber erhoben sich die felsigen und stark gezackten Spitzen des Karwendel.

Die Berge und Wälder boten auch den meisten Männern des Orts – neben der kargen Landwirtschaft – ihr Einkommen: Es wurde Stein gebrochen, Holz aus den Wäldern geholt. Sommers lag in der Luft neben dem Vogelzwitschern das Heulen der Motorsägen, das Krachen der stürzenden Fichten, das Schlagen der Äxte.

Im Winter arbeiteten die meisten auf den Skipisten, hängten Bügel in die Lifte, zwickten Karten ab und pflügten mit gewaltigen Raupen durch frischgefallenen Schnee.

Ich kam mit sechs Jahren in die Schule des Orts. Der Weg dorthin führte mich über einen steilen Pfad hinunter zur Passstraße, am Forsthaus mit seinen hölzernen, rosa gestrichenen Säulen vorbei und vor dem Friedhof links hinab zu der sumpfigen Wiese, an deren Rand das Schulhaus stand.

Im ersten Jahr saß ich neben Lorenz, einem Bauernbuben, der grobe, braune Lodenhosen trug, voll Staub, Stroh und dem Duft des Stalls.

Lorenz war morgens fast immer müde, er kam vom Melken, hatte kaum gefrühstückt, war in die Schule atemlos gerannt. So saß er schweigsam neben mir, schrieb verbissen, wurde geprügelt, gehänselt und zog wieder ab, nach Hause. Er würde später den Hof übernehmen, und dann waren andere Dinge wichtig. Das wusste er schon.

Ich lernte leicht: Das machte mich faul. Und so waren vor allem die wenigen Mädchen der Klasse bald schneller im Lesen und Rechnen, was mich dann aber natürlich anspornte, sie wieder zu überholen. In Heimatkunde und Religion immerhin war ich schließlich der Beste. Im Turnen schlechter, nur im Rennen gut. Malen durften wir selten.

So ging ein Jahr dahin.

Schrecklich aber das Singen – unser Lehrer leitete einen Chor, der die Sonntagsmessen der umliegenden Kirchen festlich zu gestalten half. Nur ich brachte keinen brauchbaren Ton aus der Kehle.

Halts Maul, Bub!, rief schließlich der Lehrer und stellte mich ins Eck, wo ich gerne blieb, stumm.

Ich kann mich gut an wirkliche Geschichten erinnern, an Unfälle, Begegnungen, Katastrophen, Peinlichkeiten. Nur wenn ich Angst bekomme, werden meine Reflexe wach. Ärger vergesse ich nicht. Aber auch Lustiges bleibt, Müßiges, ein sonniger Sonntagmittag mit meinem Großvater, ein Nachmittag mit wilden Freunden, Geburtstag, Ferien, Skifahren.

Feste: Wenn Weihnachten war, Ostern, Namenstag – oder wenn der Großvater zu Besuch kam. Er hatte ein mächtiges, schwarzes Auto mit Chauffeur und grauen Sitzen, einen Schnurrbart, er trug stets Anzüge mit Weste und seine Zigarren in der Tasche. Mein Großvater war ein alter Mann, mit wenig Haaren auf dem runden Kopf, stahlgrauen Augen, bedächtigem Gang und munterer Rede.

Er war klug. Sein Name war Gregor. Er wollte von uns Kindern viel wissen: Und hörte immer zu.

Meine Großmutter trug stets geblümte Baumwollkleider. Sie wollte nie verreisen, ging auch selten aus dem Haus, aber sie kochte gern. In ihrer Küche stand ein Radio. Brot und Äpfel gab sie uns vormittags, dazu Wasser, in das sie einen Löffel Marmelade rührte.

Es gab Ragout, Zicklein oder Braten, auch Semmelknödel machte meine Großmutter oft. Suppen liebte sie, Linseneintopf und Apfelstrudel.

Die Familie meiner Großmutter stammte aus einem Dorf in Niederbayern, und von der Verwandtschaft dort wurde oft gesprochen, nie aber wurde sie besucht.

Als meine Großmutter mit weit über 90 Jahren starb, sah sie genauso aus wie in den Jahrzehnten zuvor, mit strohgelben, kurzen Locken über ihrem frischen Gesicht. Nur die Falten waren tiefer geworden, und die Augen trüb. Großmutter war streng zu uns.

Wenn ich aus meinem Zimmer schaute, blickte ich durch Birken, Ahorn und zwei Tannen in die Berge. Ich habe mich in meiner Kindheit so daran gewöhnt, vor dem Fenster die Gipfel und Zacken des Gebirges stehen zu sehen, dass ich später immer bedrückt war, wenn ich im Flachland lebte und in einen blassen, vagen Horizont starrte. Um so größer jedes Mal die Lust, wenn bei der Fahrt in den Süden nach irgendeiner Kuppe plötzlich der Blick sich öffnete auf die mächtige Kette der Alpen, auf den hohen Himmel, die Wolken.

Von der Schule habe ich das meiste vergessen. Lehrer, Kinder, Hausmeister, das muss man sich nicht merken. Anderes habe ich aufgeschrieben. Auf kleinen Zetteln, an den Rand der Hefte, in Bücher. Dann habe ich Mappen angelegt mit weißem Papier, habe Blöcke gekauft, Ordner. Erst spät hatte ich den Computer, habe in die Tastatur gehämmert und auf das Flimmern vor mir gestarrt. Egal wie: Alles kann aufgeschrieben werden.

Mit meinem Vater musste ich als Bub oft spazieren gehen. Er nahm mich an der Hand und stellte mir Fragen: Kannst du nicht ein bisschen besser auf deine Schwestern aufpassen, sagte er zum Beispiel.

Wir bogen in einen moosigen Waldweg ein und er fuhr fort, mich zu ermahnen.

Dein Klassenlehrer meint, dass du bei deiner Begabung im Rechnen viel weiter sein könntest, hörte ich, und: Du sollst deine Mutter nicht so oft mit den Hausaufgaben belügen.

Antworten wollte mein Vater nicht unbedingt hören, und so schwieg ich. Er sprach davon, wie wichtig Gehorsam und ordentliches Lernen seien – und ich sah den Libellen nach, die vom Schilf des Sees herüberschwirrten. Mit den Schuhspitzen kickte ich kleine weiße Steine in Pfützen und brach im Vorbeigehen einen trockenen Zweig vom nächsten Baum. So gingen wir nebeneinander.

Nichts darf verloren gehen, denke ich heute. Wo waren wir Ostern 1968? Wie hieß das Dienstmädchen meiner Mutter? Die Freundin meiner Tante? Was war Josefs Vater von Beruf? Wie war der Name des Onkels mit dem schnellen Ford? Was passierte am 1. Januar 1973? Wo waren wir im Sommer vor 10 Jahren?

Die Situation, in der ich dies alles erzähle, ist denkbar peinlich, denn ich liege bei einem Mädchen, das nicht meine Frau ist, einem sehr jungen Mädchen, das ich erst vor acht Tagen getroffen habe, das heute zum ersten Mal bei mir ist, das ich nämlich zum Essen eingeladen habe, das ich mit einem Risotto mit Krabben und Radicchio beeindrucken wollte und waghalsiger elektronischer Musik aus der Anlage neben dem orangeroten Cordsofa, das aber schon während der Vorspeise den gereichten Champagner verschmähte und in meinen Augen versank, einem Mädchen, das ganz in schwarz gekleidet zu mir kam, ein atemberaubendes Parfum um sich verbreitete und, wie sich schneller, als ich zu hoffen gewagt hätte, herausstellte, blutrote Spitzenunterwäsche trug, die dieses wunderbare Mädchen aber, ganz sittsam und keusch, erst abstreifte, als wir ins nur von einer Kerze sehr stimmungsvoll beleuchtete Schlafzimmer gewechselt waren, wo es eilig unter die duftende, selbstverständlich erst eine Stunde vorher frisch bezogene Decke schlüpfte und sich zart, schmiegsam, vorsichtig, ganz süß und auch ziemlich unersättlich zeigte, was, offen gesagt, nach einer gewissen Zeit, mit dem Fortschreiten der Nacht also und dem ersten Dämmern des Morgens, ein bisschen problematisch für mich wurde, weil ich diesem Mädchen, das übrigens den seltenen und klangvollen Namen Laetitia trug, keinesfalls eingestehen wollte, dass meine sexuelle Kraft mit den Lebensjahren nicht unbedingt zugenommen hatte, dass also der rauschhafte Marathon, in den sie, Laetitia, mich gerissen hatte, begann, meine Möglichkeiten zu übersteigen, auch wenn meine Lust noch glühte und brannte, und ich mich deshalb gezwungen sah, mir Auswege zu überlegen, dieses wilde, feuchte, verschlungene Treiben auf andere, nicht weniger spannende, jedoch mich körperlich nicht ganz so fordernde Bereiche zu verlagern, was natürlich nur heißen konnte, da ich ja das Bett nicht verlassen oder irgendwelche Gegenstände zu Hilfe nehmen wollte, Laetitia mit Worten zu betören, sie mit Geschichten abzulenken, ihr somit ein wenig von mir zu erzählen, zu plaudern also, wozu wir, es sei hier verraten, bis jetzt ohnehin noch kaum Gelegenheit gehabt hatten, so dass ich es nun einfach unternahm, in die Stille dieser wunderbaren Nacht hinein für Laetitia einige abenteuerliche Mythen, Legenden und auch Tatsachen zu erfinden und ihr zu berichten, was mir damals und in den Jahren davor auf dieser Erde widerfahren war, ich begann zu reden von Begebenheiten großer, einfacher Schönheit und Vernunft wie von Geschehnissen allerverwerflichster Banalität, in der sicheren Hoffnung, dass die Kraft der Wahrheit und der Lüge Laetitia schließlich bezaubern würde.

II

Und?, fragte Himmler. Ich stand an der Tafel und schaute ins Leere. Ein paar Mädchen kicherten. Die Luft in dem Klassenzimmer unterm Dach des alten Ziegelhauses war stickig von den Ausdünstungen frisch gewienerten Linoleums. Leonore Himmler war ein dürres, altes, hässliches Mädchen, böse und heimtü-ckisch, das schlecht roch, ausgeleierte Kostüme trug und uns in Religion unterrichtete.

Wir verabscheuten sie vor allem deshalb, weil sie bestürzend sadistisch war und beispielsweise dazu neigte, widerspenstige Schüler an den kurzen Haaren der Schläfe mit einem Ruck gewaltsam vom Stuhl hochzuziehen: Das tat grausam weh.

Und wenn Himmler wirklich ärgerlich wurde, schnappte sie einen von uns und schlug ihm mit einem pfeifenden Bambusstecken auf die ausgestreckten Finger – wer aber die Finger wegzog, wurde doppelt so oft geschlagen.

Dieses Fräulein Himmler also wollte von mir eine Antwort hören.

Leider konnte ich mich nicht einmal mehr an die Frage erinnern. Hatte sie Korintherbriefe gesagt? Oder Kommunistisches Manifest? Und was war das? Wer sollte mir helfen? Die Buben und Mädchen in den Bänken glotzten mit unverhohlener Schadenfreude auf Himmler und mich.

Was würde nur passieren?

Könnte der junge Herr mir vielleicht etwas dazu sagen, hörte ich scharf von der ungeduldigen Lehrerin.

Emma in der dritten Reihe grinste mich lüstern an. Ein leises Summen kam vom Flur. Unten auf der Hauptstraße fuhr der Kühlwagen des Fischgeschäfts Dworak. Josef knöpfte seine rote Strickjacke auf.

Es musste etwas geschehen. Aber ich war so müde.

Sollte ich einfach blass werden, stöhnen, mich krümmen und würgend aus dem Zimmer rennen? Ich schloss die Augen. Ach...

Diese Welt! Ein Traum?

Holla, hörte ich mich schreien. Das Spiel ist aus!

Die Lehrerin fuhr aus ihrem Sessel hoch. Lorenz schreckte aus dem Halbschlaf und Otto plumpste vom Stuhl. Ich jauchzte.

Schaut nur alle her, rief ich und hüpfte aufs Fensterbrett, ab sofort spielen wir nach neuen Regeln!

Ich sprang hinunter in den Hof, um endlich Luft zu haben. Hoch wölbte sich der blaue Himmel, Wolken zogen, Vöglein zwitscherten. Ein frischer Wind strich ums Haus.

Ich jodelte und plusterte mich zu doppelter Größe auf, holte tief Luft und blies aus vollen Backen gegen Norden. Die Klasse drängte staunend zu den Fenstern. Fest presste ich die Augenlider zusammen. Pumpte mich auf. Pustete. Schrie. Schrie laut.

Alle stolperten über die Treppe hinaus, ins gleißende Sonnenlicht, in den heißen Sand, der plötzlich vor dem Haus lag. Zwischen dem Sportplatz und der Straße rauschte die Brandung. Träge rollte eine flache Dünung in den Schulhof. Das Meer war ins Gebirg geschwappt!

Am Ufer versammelten sich die Einwohner von C., einige verwirrte Hirsche und Gemsen, der Bürgermeister.

Von See tönte ein dumpfes Tuten, dann rauschte ein stolzer Dampfer an die Mole. Heraus sprang frisch der Käptn, entrollte feierlich ein Papier und ernannte mich mit sofortiger Wirkung zum König vom Gebirg.

Freunde, Römer, Landsleute, rief ich stolz, lasst uns diesen Tag feiern und immer in Ehren halten. Und holt Himmler aus der Schule!

Die alte Lehrerin, ganz verstört, wurde zum Dampfer geführt und verladen.

Wir haben sie niemals wieder gesehen.

Dann öffnete ich die Augen. Leonore Himmler schaute mich grimmig an.

Jakob!

Oft versuche ich mich an die Gesichter der Toten zu erinnern, an die Stimme meines Großvaters, die Art, wie Tante Therese ging, gebückt nämlich und leise, ich denke an den dicken Mattheis, der so fest und gesund ausgesehen hatte und mit 17 an einer Böschung unter seinen Traktor geriet, einfach erdrückt wurde und sich aus dem Leben verflüchtigte.

Was ist aus Egon geworden, der in dem schönen gelben Haus am Fluss wohnte und mit seiner Scharte im Kinn so erwachsen aussah? Ich habe sie alle seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen, und lange Zeit hatte ich auch gar kein starkes Bedürfnis danach. Aber jetzt, wo die Erinnerung verblasst? Es würde mir nicht helfen, wenn ich diese Menschen in ihrer heutigen Gestalt wieder träfe: gealtert wie ich. Erscheinen müss-ten sie aus dem Gedächtnis. Die Bilder müssten lebendig werden.

Meine Mutter lehnte am Kotflügel des gelben Ford und lachte, winkte.

Jetzt, murmelte mein Vater. Der Auslöser klickte. Papier flatterte zu Boden.

Das Foto ist schon ziemlich verblichen, der Himmel ist gelblich weiß geworden, das Kleid meiner Mutter hell und grün, ihr Gesicht ganz orange. Ich trage kurze Lederhosen, ein weißes Hemd, Kniestrümpfe – und halte einen krummen Stecken in der Hand.

Heute bin ich dünner als damals, als ich aus Pausba-cken knopfäugig grinste.

Ja: Wir sind nicht oft verreist. Und niemals ans Meer. Ich habe von Italien nur geträumt, dem Land, das gleich hinter den Wäldern begann, in dem immer schönes Wetter war, die Leute freundlich lachten, vom Straßenrand winkten, dem Land, in dem viele Kinder wohnten, in dem die Häuser rot gestrichen waren, das Essen immer schmeckte, die Sonne nie unterging.

Wir aber wohnten in den Bergen. Die Aussicht sei hier so schön, meinte mein Vater, die Luft so gut, das Essen so kräftig. Er wanderte gern.

Er war den ganzen Tag nicht da.

Und es regnete oft. Dann hingen fette, graue Wolken im Tal und klatschten an die Fenster, es war kalt, feucht und trist draußen. Donner rollten durchs Land. Niemand wollte mehr ins Freie, niemand kam zu Besuch.

Wir saßen zu Hause und lasen, starrten ins Feuer, versuchten ein Spiel, machten uns etwas zu essen, gingen früh schlafen.

Merkt ihr, wie gut euch das Klima tut, rief mein Vater, wenn er in die Stube polterte und das Radio abdrehte. Dann verschwand er wieder in den Keller, bastelte an irgendwelchen Geräten herum. Sein langes Haar und sein Schnurrbart waren vom Staub so weiß wie sein Arbeitskittel.

Später brachte er von irgendeiner Reise Malaria mit, überlebte, durfte nichts mehr essen und wurde immer griesgrämiger.

Ich lief gern fort, quer über die große Wiese vor dem Haus, sprang über den Bach aus der Quelle des Krebses, rannte hoch zum Waldrand, wo ein geräumiger Jägerstand zwischen zwei Tannen gezimmert war. Den erstieg ich, schwang mich auf den harzigen, überdachten Sitz und schaute hinaus ins Tal, über die Gipfel.

Dort dachte ich mir Geschichten aus. Aus Rinde schnitzte ich mir Freunde, Tiere aus Ästen. Ich baute mir eine Burg aus Moos und Fichtenzapfen in die Bretter meines Gehäuses. Ich brachte Wasser in prallen Plastiktüten mit, das ich über die winzigen Landschaften rinnen ließ, Steine streute ich über die Kreaturen, fegte mit dem Ellenbogen die ganze Welt wieder weg. Niemandem zeigte ich diesen Platz. Und die Patrone eines Jagdgewehres, die dort eines Morgens lag, hütete ich wie einen Schatz viele Jahre lang.

Der Hof des Bauern, unseres Nachbarn, stand auf einer großen, geneigten Wiesenfläche mit Blick über das ganze Tal. Wenn man den steilen Weg heraufschritt, lag zuerst rechts der hölzerne Stadel, dann links ein Schuppen mit der Werkstatt und schließlich, breit, freundlich, das Haus mit dem grauen Schindeldach. Davor ein Nussbaum, der Kräutergarten, ein paar Steinplatten neben der Tür. Hier, auf einer ausgeblichenen hölzernen Bank, saß abends Schönpeter, der alte Bauer.

Das Haus, vor Jahrhunderten gebaut, mit niedrigen Gewölben, der verräucherten Küche, der engen Stube, stand meist leer. Die Familie war unten im Tal, auf den Feldern des Schwiegersohns: Der Hof oben am Berg wurde nicht mehr bewirtschaftet.

Von der Bank aus konnte der alte Schönpeter den Talausgang sehen, wo die Schlucht anfing und der Fluss hinaus rauschte, er konnte nach Westen sehen, wo das Tal sich weitete und die beiden Kirchen auf den Hügeln standen, er sah auf den felsigen Kamm am Ende des Tals und auf die Spitzen des Karwendels, wo sich immer ein paar Wolken bauschten.

Hinter sich wusste der Bauer seine Wiesen und seinen Wald, den Weg, der neben dem Bach sich zog zur Quelle, das Bienenhaus bei der Schonung und, weiter oben, eine Stunde zu Fuß, die Alm, auf der im Sommer sein Vieh stand.

Nachmittags kam manchmal der Junge herauf. Er setzte sich zu ihm auf die Bank und erzählte von der Schule, brachte auch Botschaften von der Mutter oder Essen in einem Korb.

Der alte Schönpeter sprach über die Wolken, die Pflanzen und das Vieh, und der Junge hörte ihm gerne zu, still, die Beine angezogen, das Kinn auf die Knie gelegt. Die beiden saßen oft vor dem Haus, bis es dunkel wurde und der Junge sich auf den Heimweg machte.

Im Herbst des Jahres, in dem Schönpeter, der Bauer, sterben sollte, nahm er seinen Enkel mit in die Werkstatt in dem niedrigen Schuppen an der Wiese. Die Arbeitsfläche am Fenster, so breit wie der ganze Raum, war voller Werkzeug, voll angefangener Stücke, Staub und Spänen. Neben der Tür standen Leisten in einer Ecke, Schaufelstiele, ein paar Skier und rostige Eisenstangen vom Schafspferch. An der Rückseite der Werkstatt waren Halterungen angeschraubt, die Bretter hielten, einfache Fichtenbretter und schönes Obstbaumholz, gehobelt, ungehobelt, mit oder ohne Rinde, schwere Planken und dünnwellige Furniere.

Es war eine warme, trockene Luft in dem Raum, starker Duft nach Holz und gefettetem Metall, und mild gefiltertes Licht schien durch die Fenster.

Schönpeter stieg auf einen Schemel, spähte in sein vertrautes Arsenal, schob Leisten und Bretter zur Seite und zog ein matt funkelndes Gewehr aus dem Versteck im Holzregal. Er fuhr mit dem Ärmel über Lauf und Kolben und blies über den Hahn. Dann reichte er dem Jungen die Waffe. Der nahm sie ohne Scheu fest in beide Hände. Es war ein schöner Stutzen, leicht, einläufig, und nicht zu lang. In den meisten Höfen des Tals gab es irgendwo so ein Gewehr, und in manchen Nächten konnte man von den Bergen Schüsse hören von verschiedenem Klang. Oft ging dann im Haus des Jägers, der nicht weit von der Sägemühle wohnte, das Licht an und nach einer gewissen Zeit wieder aus.

Die Zeit der Wildschützen war freilich längst vorbei, die Zeit, in der für die freie Jagd gekämpft wurde und es in den Wäldern zu erbitterten Auseinandersetzungen mit den lodengrün gekleideten Vertretern der Obrigkeit kam. Die alten Stutzen aber gab es noch, und mancher Bursche hielt den seinen immer blank.

Der Bauer brauchte dem Jungen nicht viel an dem Gewehr zu erklären. Die beiden verließen die Werkstatt und gingen hinüber zum Haus, setzten sich in die Stube und redeten noch eine Weile.

In der Dämmerung zog der Junge los.

Er nahm den Weg zum Pass, überquerte die breite Forststraße an der Kehre vor dem Gasthaus und stieg langsam durch den lichten Hochwald zur Kranzspitze. Dann saß er oben am Gipfel im feuchten Gras, die Knie angezogen, das Gewehr darauf, das Kinn auf das Gehäuse gestützt. Er spürte den kalten Stahl und das warme Holz des Schafts.

Unten im Tal hing schon der erste Nebel. Die Nächte waren kühl geworden in den letzten Wochen. Im schwachen Licht des zunehmenden Mondes blickte der Junge hinab zum Haus seines Großvaters auf der weiten Lichtung, und dann hinüber zu den Firnflecken unter der Zugspitze, zu den Wolken über dem Massiv und dem gratigen Gipfel, der aus dem Weiß ragte. Aus dem Tal drang kein Laut, der Wald lag still.

PRESSESTIMMEN

"Hawaii' ist die eher unscheinbare Geschichte eines Journalisten Mitte dreißig, die dieser selbst lässig in einem Satz resümiert: Wie er nach seinem Studium bei einem Fernsehsender zu arbeiten begann, ein Haus in der Vorstadt anmietete, seinen ersten Mercedes kaufte, heiratete, Vater wurde, umzog, zum zweiten Mal Vater wurde, einen Birnbaum pflanzte, sich scheiden ließ. Das schlichte, gradlinige Leben mit Hawaii als vagem Sehnsuchtsort handelt der Ich-Erzähler knapp und in lockerer Chronologie ab. Eingebettet ist der Lebenslauf der Figur in eine pikante Rahmenhandlung im frisch bezogenen Ehebett: Neben dem Erzähler liegt seine junge Geliebte. Kratzert dreht die Idee von der Sublimation ironisch um: Weil sein Protagonist nicht mehr ganz so potent ist, will er die Frau mit Wortgewalt beeindrucken." (Eva Maria Fischer in: Süddeutsche Zeitung/Münchner Kultur, 14.6.2005)

"Wer erzählt einem schon die wahre Geschichte seines Lebens? Armin Kratzert gibt zumindest gleich am Anfang zu, er erzähle sie so, wie er sie soeben erfunden habe. ... Ein vom Schreiben, vom Aufschreiben und Protokollieren des Lebens Besessener wird geschildert, einer der die Freiheit zu gewinnen trachtet, indem er sich stets neu erfindet. Da will einer ans Licht, endlich heraus aus dem Geburtskanal, in dem er seit beinah 40 Jahren kreist." (Stefan Rammer in: Passauer Neue Presse, 20.6.2005)