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Marianne Hofmann: Ein rotes Kleid. Augenblickstexte, Klappenbroschur, 144 S., 13,80 Euro
ISBN 978-3-929517-89-7
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KURZTEXT
Marianne Hofmann zeigt sich in ihrem neuen Buch als eine einfühlsame Sammlerin von Augenblicken. In klarer Sprache beschreibt sie Facetten des Daseins: Tag- und Nachtträume, wehmütige Erinnerungen, Abschiede und Begegnungen, glückliche und verstörende Momente.
Mensch und Mensch, Mensch und Tier, Mensch und Natur begegnen sich. Staunen ruft die Welt der Natur hervor; nachdenklich beschreibt die Autorin die Entfremdung des Menschen von seiner natürlichen Um- und Mitwelt. Eindrücke aus der Kindheit im ländlichen Niederbayern werden wachgerufen. Schlaglichtartige Einblicke in das Leben fremder Menschen lassen Wesentliches ihrer Biografien aufscheinen: ob auf einer Zugfahrt irgendwo in Deutschland, ob in einem Restaurant in Peking oder bei einem Gottesdienstbesuch in den USA.
Mehr als fünfzig Texte regen so auf unterhaltsame Art an, die Augenblicke des Lebens in ihrer Einzigartigkeit zu schätzen.
AUTORIN
Marianne Hofmann, in Niederbayern geboren und aufgewachsen, studierte Religions- und Sozialpädagogik. Nach Berufstätigkeit in beiden Bereichen verbrachte sie einige Jahre in Berlin und Liverpool, wo sie zu schreiben begann. Seit 1985 lebt sie wieder in München.
INHALT
Noch träumen wir
Heimwärts
Winterlied
Maria und Anna
Endlich
Nach Jerusalem
Siehst du denn nicht
Danach
Der Sturz
Der Brunnen
Frühlingslied
Der schwarze Vogel
Gespräch mit einem Hund
Verloren – gefunden
Das Pferd
Die Kleider
Pfingstrosengefühl
Ist es eine Sünde?
Halten – Warten
Wachsen
Pfingstrose
Pfannekoscht
Die Schrift
November
Schöne heile Welt
Die Sprache der Kindheit
Bruchstücke
Brotzeitmonolog
Das fünfte Kind
Haus am See
Sie warten
Orange
Wir sind eine Mischung
Theresa
Schlafe gut
Auflistung
Mein Vater
Spesen
Weiß
Schwarz
Banto ba uma bale bolotsi
Jeder hat sein Leben
So fern so nah
Aufbruch und Abschied
Frau Amsel
Und dann
Im Zug nach Köln
Sonnenfinsternis
Augusttag
Von Menschen und Bäumen
In Tirol
Stille
Winternachmittag
Abbitte
M. – F., hin und zurück
Peking – ein Augenblick
In den Eichenwäldern Apuliens
Agadir
Persien
Wüste
Maine, Desert Island
Moskau
Gospel in Virginia
Überall Leben
Der Kreis schließt sich
LESEPROBE
Heimwärts
Der Ort, in dem ich geboren wurde, liegt in einem Tal. Sumpfige Wiesen, heimtückische Moortümpel, noch heute. Ich kannte jedes Feld, jede Wiese, wusste, wem sie gehörten.
Ich habe als Kind Heu gerecht, Blasen an den Händen. Bei sengender Hitze Weizengarben aufgestellt, die Knöchel zerstochen vom Halm.
Ich wurde in den Wald geschickt, um Beeren und Pilze zu sammeln.
Die Kühle des Waldes, das weiche Moos, das Licht, das in Strahlen einfiel, der seltene Schrei eines Vogels hatten mich meine Aufgabe vergessen lassen. Ich kehrte mit zu wenigen Beeren nach Hause. Ahnung von Stille. Der Duft von Moos und Harz, von Beeren und Pilzen, blieb.
Fremde kamen in das Dorf, erzählten von anderen Welten.
Da fiel mir auf, dass die umliegenden Berge sehr früh ihre Schatten in das Tal warfen. Musste dahinter nicht die Sonne scheinen?
In mir wuchs die Sehnsucht, diese fremde Welt kennen zu lernen, der Wunsch, das Tal zu verlassen. Bald gab es nur noch diesen einen Gedanken. Doch was erwartete mich auf der anderen Seite?
Eines Nachts kam im Traum der Entschluss.
Ich habe die trüben Gewässer verlassen, auf einer morschen Leiter das Ufer erreicht, bin über gläserne Berge gegangen, darunter im Eis das Quellwasser schlug. Im Hang lag ein Haus. Ich stieg nicht hinunter. Ich nahm den Weg über die Hügel – septemberklar.
Herbststürme begleiteten mich. Tunnel und Labyrinthe zogen mich in ihre Dunkelheit, Gewitterfronten folgten mir. Manchmal zeigten Wegweiser in die falsche Richtung.
Durstig war ich. Hungrig. Einsam. Ich traf Menschen, die es gut mit mir meinten, manche meinten sich selbst. Andere reichten mir die Hand, zeigten mir den Stein, auf den ich springen konnte.
Begegnungen. Manchmal nur ein Blick. Kaum aber glaubte ich irgendwo angekommen, hatte ich mir Überblick verschafft, hieß es erneut aufbrechen.
Da, auf einem Berg, ein mächtiges Gebäude. Wie eine Verheißung leuchtet es zu mir herab. Ich bin ergriffen. Jetzt endlich sehe ich, was ich schon immer gesucht habe. Ich spüre ein freudiges Taumeln. Ich werde hinaufgehen, kein Zweifel. Ich werde mein Ziel nicht mehr aus den Augen lassen.
Nach einem langen, mühsamen Aufstieg stehe ich davor. Seine Pracht scheint noch die Berge zu übertreffen. Ich blicke um mich. Wie schön das Licht ist, wie weit die Sicht. Berg an Berg erhebt sich, bis an den Horizont. Im Schatten des Hauses ruhe ich mich aus.
Ich gehe zum Tor, bitte einen der Wächter um Einlass.
Das ist die Gedankenburg, hier kommt nicht jeder rein. Sein abweisender Blick geht an mir herunter.
Was ist in diesem Haus?
Hier wird das von Menschen Gedachte aufbewahrt, und das noch nicht Gedachte entsteht.
Wunderbare Unruhe ist in mir. Wollte ich nicht schon immer an die Quelle des Denkens kommen? Sehen, wie Gedanken entstehen, Gefühle. Wie sie Menschen zum Handeln bewegen.
Ich erzähle den Männern von meiner Wanderung, und dass hierher zu kommen ein lang gehegter Wunsch von mir sei. Schließlich würde auch in meinem Kopf Tag und Nacht gearbeitet. Allein die vielen Gedanken und Bilder, die nachts in meinen Träumen aufsteigen. Sogar lesen konnte ich im Traum...
Sie unterbrechen mich, berufen sich erneut auf ihre Anweisungen, zeigen auf meinen Mantel, als wäre dies ein zusätzlicher Beweis für das Verbot. Mein rotes Kleid! Ich erschrecke. Am Saum, an der Knopfleiste des Mantels schaut es hervor. Mein rotes Kleid, abgeschabt und zu klein.
Aber es ist mein Kleid. Das Kleid meiner Herkunft. Ich habe es immer getragen. Ich werde es weiterhin tragen. Ich würde es gar nicht abstreifen wollen, auch nicht können, es ist mir zu einer zweiten Haut geworden. Da könnte ich noch so viele andere Kleider und Mäntel darüber anziehen...
Noch einmal bitte ich um Einlass, doch die Wächter bleiben hart.
Ich bin enttäuscht und es macht mich sehr traurig. Mein Leben. Habe ich bisher nicht alles versucht, näher an den Kern meines Bewusstseins zu kommen? Wenn sie meine Geschichte kennten – ich spüre, wie mich dieser Gedanke beflügelt – würden sie mich gewiss einlassen. Doch die Wächter bleiben hart. Nur Auserwählte könnten am Leben in der Gedankenburg teilnehmen. Jemand wie ich würde niemals aufgenommen werden. Gefühl von Scheitern breitet sich aus.
Als ich noch einmal zum Sprechen ansetze, habe ich Mühe, Worte zu finden. Wieder ist mir die Sprache abhanden gekommen.
Nur noch einige Brocken kommen unartikuliert aus meinem Mund, Worte zu formulieren misslingt. Traurig wende ich mich ab.
Das von Menschen Gedachte und noch zu Denkende... Wissen also. Glaubte ich wirklich, damit mehr über mich zu erfahren, mein innerstes Wesen ergründen zu können?
Mein rotes Kleid. Teil meines Selbst. Noch einmal läuft mein bisheriges Leben vor mir ab und plötzlich weiß ich, was zu tun ist: Ich werde hinuntergehen in das Tal, dorthin, wo ich herkomme. Ich werde eintauchen in das Eigene, in das Vergessene. Die Schatten lebendig werden lassen, aus meinen eigenen Kräften schöpfen.
Mein Blick geht noch einmal über die Gipfel.
Bald wird die untergehende Sonne die Berge in ein stilles Licht tauchen. Auf dem Grau der Berge wird ein Hauch Rosa oder Violett liegen, die kleinen Wiesen darunter werden überirdisch grün leuchten.
Pfingstrose
Sommergärten, Fronleichnam. Mädchen in weißen Kleidern, Kränzchen im Haar. Blumen streuen.
Pfingstrosen. Möglichst viele sollen es sein und tiefrot. Ob sie bis zum Fest aufblühen werden, oder gar schon verblüht sind? Ob schwerer Regen sie zerstört?
Auf dem Weg zur Schule in die Gärten spähen, aus prallen Knospen das Dunkelrot ersehnen. Bald, vielleicht schon morgen, wird die Blüte sich entfalten, im matten Grün der breitfingrigen Blätter stehen.
In dieser Zeit wissen die Mädchen, in welchen Gärten die Pfingstrosen wachsen und wo man sie erbetteln kann.
Die Blüte ist schwer und leicht zugleich, gefächert in zarte Üppigkeit. Das tiefe Rot ist verhalten, schwirrt nicht aus. So ist auch ihr Duft nur für den Betrachter erst in der Nähe erfahrbar.
Ist die Zeit gekommen, genügt eine Berührung und die Blüte bricht auseinander. Unendlich viele Blütenblätter erscheinen, lösen sich, werden mehr und mehr, fallen. Dies Zerfallen aus der Üppigkeit, ihr letztes Fest, ist zugleich auch ihr Tod. Doch von diesem grausam schönen Sterben weiß das Mädchen noch nichts, sie erfreut sich an den Blütenblättern, die in tiefroter Fülle vor ihr liegen und die sie morgen ausstreuen wird.
Sie wird am Morgen des Fronleichnamstages in den kühlen Keller gehen, den bändergeschmückten Korb holen, ihre Hände noch einmal in die Blütenblätter schieben, sie hochheben und zurückrieseln lassen.
Unter den Klängen des „Tantum ergo“ das die Blaskapelle spielt, wird sie das Rot vor den vier Altären ausstreuen. Fest der Verwandlung von Brot und Wein. Das Mädchen hat ein Pfingstrosengefühl.
Persien
Am Rande des Dorfes haben die Filzwirker ihren Arbeitsplatz. Die Häuser ärmlich. Gleichen eher Ställen als menschlichen Behausungen.
In der Ferne der Klang dumpfer, rhythmischer Schläge. Dann weht uns scharfer, feuchtwarmer Geruch entgegen. Mit dem Näherkommen werden die Schläge eindringlicher, begleitet von Lauten, die einem Stöhnen gleichen.
Wir blicken in ein Gewölbe, das nichts erkennen lässt.
Erst als wir aus dem blendenden Licht in den Schatten treten, schälen sich Gestalten aus der Dunkelheit:
Männer stehen barfuß auf dunklen Matten, schlagen mit Holzschlegeln darauf nieder.
Als uns die Männer sehen, halten sie inne. Sie nicken, lächeln freundlich.
Noch ein paar Worte mit der „chanum allmange“ der deutschen Frau, dann fahren sie fort, einer nach dem andern, mit den Schlegeln auf den Filz einzuschlagen, der aus schwarzen Ziegenhaaren hergestellt wird.
Ein Junge, ebenfalls barfuß, gießt Rinderurin über die Fläche.
Scharfer, ätzender Geruch breitet sich aus, legt sich mir auf Schleimhäute in Mund und Rachen.
Der Atem der Männer wird laut, als sie die Schlegel niedersausen lassen. Mit jedem Schlag wird auch ein Laut ausgestoßen. Ein Brüllen ist es, das aus der Tiefe des Körpers kommt, sich mit dem Tempo steigert. Es klingt, als würden sie selbst geschlagen werden.
Ihre dunklen, mageren Gesichter werden verzerrt, werden mehr und mehr zu Fratzen.
Ich gehe. Sie sollen ihre Gesichter für sich behalten dürfen.
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